Vor über zehn Jahren schenkte Patrica Tylka dem US-Amerikaner Nate die Chance auf ein Weiterleben. Nate hatte Leukämie und war dringend auf die Stammzellspende eines fremden Menschen angewiesen. Heute ist der 32-Jährige wieder gesund. In ihrem Gastbeitrag DKMS Spenderin Patricia wie es sich angefühlt hat, einem völlig fremden Menschen zu helfen, was sich daraus für sie entwickelt hat und welche Bereicherung die Spende für ihr Leben bedeutet.

Servus aus München,

mein Name ist Patricia, ich bin 45 Jahre alt und lebe seit 20 Jahren in München. Ich arbeite als Erzieherin und in meiner Freizeit gehe ich gerne auf Konzerte, verreise, treffe mich mit meinen Freund:innen und fahre Ski.

Im November 2010 bekam ich von der DKMS einen Anruf. Ich hatte überhaupt nicht mehr daran gedacht, da meine Registrierung schon lange zurücklag. Ich war total überrascht, als mir gesagt wurde, dass es eventuell einen “genetischen Zwilling“ gibt, der meine Hilfe benötigt. Natürlich willigte ich sofort in alle nötigen Untersuchungen ein. Als ich wenige Wochen später schon den Termin für die Spende bekam, war ich der glücklichste Mensch auf Erden. Ein bisschen Angst hatte ich auch, aber nur bezüglich der Narkose, da mir die Blutstammzellen aus dem Beckenkamm entnommen werden sollten.

Ausgelassene Stimmung auf der Hochzeit

Ausgelassene Stimmung auf der Hochzeit

 

Freunde und meine Familie waren total begeistert. Gleichzeitig waren sie erstaunt über meinen „Mut“ dies zu machen. Leider hatten einige Menschen in meinem Umfeld ein falsches Bild von der Knochenmarkspende. Der eine oder andere dachte, durch die Punktion des Beckenkamms könnte es zu Schäden der Wirbelsäule kommen. Für mich ergaben sich diese Ängste überhaupt nicht, da ich ja von der DKMS aufgeklärt wurde, und wusste, dass das Knochenmark nichts mit der Wirbelsäule und dem Rückenmark zu tun hat. Das konnte ich so zum Glück schnell in meinem Umfeld aufklären.

Die Spende

Am 9. Februar 2011 saß ich im Zug nach Nürnberg. Am nächsten Morgen wurde mir in der Klinik das Knochenmark entnommen. Wie erwartet, war mir durch die Vollnarkose für ein paar Stunden übel. Die OP hingegen verlief ohne Probleme. Ich hatte keine Schmerzen an den Einstichstellen, nur ein ziehen im unteren Rückenbereich. Noch im Krankenhaus erfuhr ich, dass es sich bei meinem „genetischen Zwilling“ um eine männliche Person aus den USA handelte. Zwei Tage später fuhr ich mit einem Dauergrinsen im Gesicht nach Hause. Natürlich musste ich dort erst einmal allen erzählen wie es mir ging, wie alles ablief, und vieles mehr.

Ein paar Monate später durfte ich anonym über die DKMS per Brief Kontakt aufnehmen. Zwei Jahre lang schrieben wir uns hin und her, bis wir uns ab 2013 endlich persönlich austauschen durften. Für mich war es ein unglaubliches Glücksgefühl zu erfahren, wer er ist und wie es ihm geht. Mein Empfänger heißt Nathan Bothwell und lebt in Nora Springs im Bundesstaat Iowa. Zu wissen, dass ich ihm ein zweites Leben schenken durfte, erfüllt mich mit großem Glück. Nate, wie Familie und Freunde ihn nennen, hatte Leukämie. Ohne Spende hätte er vermutlich nicht überleben können.

Was ich von ihm außerdem erfuhr, war, dass er und seine Familie darum bangen mussten, dass mein Knochenmark rechtzeitig bei ihm in der Klinik ankam. Aufgrund eines heftigen Schneesturmes war es kurzzeitig ungewiss, ob das Flugzeug, indem der Kurier mit meinem Knochenmark saß, starten durfte. Letztendlich ging alles gut, meine Stammzellen konnten pünktlich transplantiert werden und Nate erfreut sich eines gesunden Lebens. Was für ein Glück!

Hochzeit

Anlässlich Nates Hochzeit flog ich 2016 als Ehrengast in die USA. Endlich lernten wir uns persönlich kennen. Seine große Liebe Brenna (27) ist wie ich Erzieherin. Unser erstes Aufeinandertreffen am Flughafen war für mich eine emotionale Achterbahnfahrt. Einerseits freute ich mich riesig darauf ihn kennenzulernen. Andererseits dachte ich: Was, wenn wir uns nicht leiden können, wenn ich mit meinem nicht so guten Englisch nicht kommunizieren kann…? Ab dem Moment, wo wir uns gegenüberstanden, waren alle Unsicherheiten verschwunden. Als wir uns zur Begrüßung herzlich umarmten, brach ich in Tränen aus.

1. Hochzeit in den USA_v.l. Patricia mit Braut Brenna und Nate

Hochzeit in den USA_v.l. Patricia mit Braut Brenna und Nate

Nate wurde von seinem Vater begleitet, der alles fotografisch festhielt. Bei der anschließenden Autofahrt konnten wir uns trotz meiner Englisch-Unsicherheiten super verständigen und unterhalten. Nate und ich verbrachten in den Tagen vor der Hochzeit sehr viel Zeit zusammen. Das war einfach toll. Seine Verlobte Brenna, ihre Familie und auch Nates Familie waren sehr herzlich zu mir. Wir verstanden uns auf Anhieb und ich fühlte mich sehr wohl.

Bei der Hochzeitszeremonie wurde ich von Nate „Down the Isle“, also gemeinsam mit den Eltern und Schwiegereltern als Ehrengast persönlich in die erste Reihe begleitet. Was schön war: Die Großmutter der Braut ist Deutsche. Deshalb war auch noch eine Cousine aus Deutschland zu Gast, mit der ich mich ebenso sehr gut verstanden habe.

10-jähriges Jubiläum: Glück zu spenden – Glück zu überleben

Im Jahr 2017 besuchte ich Nate und Brenna wieder. Wir hatten viel Spaß miteinander, unternahmen viel und schauten uns beispielsweise ein Baseballspiel an.

Im gleichen Jahr waren Nates Schwiegereltern mit den Großeltern der Braut zu Besuch in Deutschland. Nate und Brenna waren leider nicht mitgekommen. Sie wollten eigentlich letztes Jahr zum Gegenbesuch nach Deutschland kommen. Flüge und Hotels waren schon gebucht, auch ich hatte für Herbst 2020 bereits Flüge in die USA gebucht. Leider hat uns Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht. Umso mehr freuen wir uns darauf, hoffentlich bald alles nachholen zu können. Nate ist für mich wie ein jüngerer Bruder, seine Frau wie eine kleine Schwester. Wir sind regelmäßig per WhatsApp im Kontakt.

Haben gemeinsam Spaß: Patricia, Nate und Brenna

Haben gemeinsam Spaß: Patricia, Nate und Brenna

Ich bin so glücklich und dankbar, dass ich diesem wunderbaren jungen Mann ein zweites Leben schenken durfte. Manchmal kann ich es nicht glauben, dass die Spende im Februar dieses Jahres schon zehn Jahre zurück liegt: Vor zehn Jahren hatte ich das Glück, zu spenden und Nate ein zweites Leben zu schenken. Vor zehn Jahren hatte Nate das Glück, die Leukämie zu besiegen, dadurch seine große Liebe zu finden und zu heiraten. Nates Eltern blicken auf zehn glückliche, sorgenfreie Jahre und sind dankbar, dass ihr Kind gesund ist und leben darf. Sollte ich jemals nochmal die Chance bekommen, einem weiteren Menschen mein Knochenmark oder meine Stammzellen schenken zu dürfen, werde ich diese Chance sofort wieder wahrnehmen.

Ich „nerve“ alle Menschen im meinem Umkreis immer wieder mit meinen Aufmunterungen zur Registrierung. Hier in München habe ich bereits zweimal bei einer Aktion der DKMS geholfen. Jede Person, die gesundheitlich in der Lage ist, sich zu registrieren, bitte mach‘ es!

Für mich ist die Spende ein ganz besonderes Geschenk, dass mich mein ganzes Leben begleitet. Ich bin sehr glücklich, dass ich Nate helfen konnte und dadurch einen „neuen Bruder“ dazu bekommen habe. Ich schätze meine Gesundheit sehr, bin unglaublich dankbar, dass ich mein Leben ohne so eine schlimme Krankheit leben darf. Danke an alle, die bei der DKMS arbeiten, dass ihr so vielen Menschen die Möglichkeit auf eine zweite Lebenschance gebt. Danke für euren unermüdlichen Einsatz!!!

Liebe Grüße aus München

Patricia

Text und Fotos: Patricia Tylka