Als Nicky Haase 2016 aufhörte, Fußball zu spielen, merkte er schnell, dass ihm der Sport fehlte. Auf der Suche nach einer neuen Herausforderung begann der 37-Jährige aus Obersontheim Mammutmärsche zu laufen: 100 Kilometer in 24 Stunden. Nach Touren in Wien, München, Berlin, Wuppertal und Birmingham stand für Nicky eine noch größere Challenge an. Zu Fuß wollte er von München nach Venedig in 28 Etappen die Alpen überqueren. Das Ziel: Die Strecke in 16 Tagen schaffen und gleichzeitig Spenden für die DKMS sammeln. Ob er den Markusplatz erreicht hat, erzählt er uns in seinem Gastbeitrag.  

In meinem Bekanntenkreis gab es schon zwei Menschen, die an Blutkrebs erkrankt sind. Ich selber bin seit vielen Jahren bei der DKMS als Stammzellspender registriert. Um die Arbeit der DKMS noch mehr zu unterstützen, entschloss ich mich dazu, die Alpenüberquerung als Spendenlauf zu absolvieren. Während der Planung hörte Andi, ein Freund von mir, von meinem Vorhaben und fragte mich, ob er sich anschließen dürfe. So liefen wir zu zweit.

Ich kontaktierte verschiedene Firmen mit der Bitte, meinen Spendenlauf für die DKMS zu unterstützen. Als Gegenleistung kam jede Firma mit ihrem Logo auf unser Lauf-T-Shirt und wir machten Werbung in unseren sozialen Netzwerken, wo wir für unsere Fans den ganzen Lauf festhielten und ein Tagebuch führten.

Eins der größten Hindernisse: Corona

Aufgrund der derzeitigen Lage stand unser Lauf für kurze Zeit in den Sternen. Einige Hütten hatten die Unterkunft gecancelt und bei den restlichen Hütten mussten wir unser eigenes Schlafzeug mitbringen, was noch mehr Gepäck bedeutete. Sogar der Rückflug wurde gestrichen, das war schon alles ein herber Rückschlag. Doch abzusagen kam für uns nicht in Frage. Am 28. Juni 2020 starteten wir unsere Alpenüberquerung vom Marienplatz in München bis nach Venedig bei perfektem Wetter. Die ersten zwei Tage war alles gemütlich bis auf ein kleines Gewitter im Vorderrißtal, was uns aber nichts erschwerte.

Am fünften Tag in Wattens zum Tuxerjochhaus kamen wir an unsere Grenzen: Zwei Tage bei 32 Grad. Am sechsten Tag überschritten wir die Grenze zu Italien, davor hatten wir einige steile Abstiege, Schnee, schmale Wege und Geröll. Aber die Aussicht, die wir jeden Tag genießen durften, entschädigte alles.

„Familie und Freunde hielten uns für verrückt“

Am neunten Tag sahen wir endlich die Dolomiten, die einer Mondlandschaft glichen, es war unendlich schön. Die Wege waren verdammt steil und schmal, zudem ging es fast senkrecht an einem Klettersteig bergauf. In den Dolomiten löste sich auf einmal ein kleiner Felsbrocken und knallte auf Andis Knie, puuhh, bis auf eine Prellung war nichts zu sehen. Was ist schon ein geprelltes Knie im Gegensatz zu Blutkrebs? Also weiter geht‘s…!

Am zehnten Tag erreichten wir den höchsten Punkt unserer Tour, den Piz Boe in 3152 Meter Höhe. Ein totales Highlight war der traumhafte Sonnenaufgang. Familie und Freunde hatten immer noch Zweifel, ob wir das wirklich in 16 Tagen schaffen würden und hielten uns für verrückt.

Tag 13: Der Tag an dem wir beide komplett an unsere Grenzen kamen. Bei wolkenfreiem Himmel, Sonnenschein und 32 Grad folgten steile Abgänge, senkrechte Steigungen, unwegsames Gelände und ein Klettersteig im Schiara Massiv, mit über elf Stunden reiner Gehzeit. Am nächsten Tag starteten wir mit einem super Frühstück bei einem gut gelaunten italienischen Hüttenwirt in Refugio Alpini und es erwarteten uns 35 Grad.

Tag 15: Endspurt! Wir kamen an schönen Weinhängen vorbei, wo Prosecco hergestellt wird, das Ziel fast vor unseren Augen. Hier entschlossen wir uns für eine Planänderung: Wir machten eine lange Siesta um der Hitze zu entgehen und liefen die komplette Nacht durch, um es vor der Mittagshitze nach Venedig zu schaffen.

Am 16. Tag kamen wir wie geplant zur Mittagszeit in Venedig am Markusplatz an. Wir haben unser Ziel erreicht. Voller Stolz machten wir Bilder und sprangen ins Meer – wir konnten noch gar nicht fassen, was wir geleistet hatten.

Bei 35 Grad Hitze, in der sich manch einer keinen Zentimeter vom Ventilator weg bewegt, sind wir mit jeweils 20 Kilogramm Gepäck auf dem Rücken 542 Kilometer in 16 Tagen von München nach Venedig gelaufen. Wir haben 95.716 Kalorien verbrannt, 81 Liter getrunken, 21.995 Höhenmeter und 22.190 Tiefenmeter überwunden. Das alles in 133 Stunden. Die Anstrengungen haben sich gelohnt, denn wir sammelten 2.500 Euro für die DKMS und Menschen, die Hilfe brauchen, ein.

Nicht aufgeben, den Glaube nie verlieren, das Ziel immer vor Augen haben und an seine eigene Kraft glauben – Das ist es, was ich auch an erkrankte Menschen weiter geben möchte. Ganz nach dem Motto “Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft.“

Text und Fotos: Nicky Haase