Wenn Spender:innen zur Stammzellentnahme in die Klinik fahren, ist es nicht selten ein besonderes Ereignis, mit Aufregung und vielen Emotionen verbunden. Ein Moment, in dem die Unterstützung durch Freunde und Familie besonders wichtig ist. Anika hat ihre Freundin Maren auf dieser „Reise“ begleitet und auch wenn sie selbst nicht unmittelbar beteiligt war, hat diese Erfahrung sie doch nachhaltig beschäftigt. Ihre Gedanken dazu hat die Polizistin aufgeschrieben und möchte sie in diesem Gastbeitrag mit uns teilen, um noch mehr Menschen an dieser Erfahrung teilhaben zu lassen und zu motivieren, sich ebenfalls als Stammzellspender:in zur Verfügung zu stellen.

Maren kommt zu mir und holt mich ab, damit wir mit ihrem Wagen nach Köln fahren. Ich fahre. Maren hat Schmerzen im Rücken und den Gelenken. Die kommen von den Spritzen, die sie nun schon seit ein paar Tagen erhält. Ich schätze, die meisten Menschen mögen keine Spritzen. Maren mag sie nicht. Ich mag sie auch nicht. Heute Abend muss Maren erneut gespritzt werden. Dann von mir.

Im Auto sprechen wir über alles, was in unseren Leben gerade passiert. Die Corona-Krise verändert die Welt und wir sind mitten drin. Auch unsere Reise nach Köln wurde von all dem erschwert, aber nicht unmöglich.

Dann sprechen wir über die bevorstehende Spende. Die DKMS hatte bei Maren angerufen und nun wird sie eine Stammzellen-Spende abgeben, damit jemand auf Heilung hoffen darf. Maren will dafür keine Aufmerksamkeit. Dafür, dass sie an irgendjemanden etwas abgibt. Aber es ist nicht für irgendwen. Da ist ein Kind oder ein erwachsener Mensch, dem gesagt wurde, das Warten hat ein Ende. Es besteht Hoffnung. Es ist jemand gefunden. Ein genetischer Zwilling.

Das bedeutet so viel mehr als man sich vorstellen kann, mehr als wir uns vorstellen wollen. Das bedeutet eine ganze Welt. Nicht irgendjemand ist gefunden. Maren ist gefunden.

In Köln sind zwei Zimmer in einem Hotel mitten in der City für uns reserviert. Direkt gegenüber vom Hotel ist eine große Polizeiwache. Sieht ungewohnt modern aus. Es stehen lauter Streifenwagen vor unseren Hotelfenstern. Schön, ein wenig Vertrautheit. Sonst ist hier niemand. Es fühlt sich an, als seien wir allein im Hotel. Auch die Straßen und die Domplatte sind leer. Alles hat geschlossen. Zum Abendessen Pizza auf dem Zimmer und eine Spritze für Maren.

Der Tag beginnt früh und mit einer Spritze für Maren. Nun weiß ich, was das Präparat bewirkt. Die benötigten Stammzellen befinden sich im Knochenmark und müssen vor der Spende ins Blut transportiert werden. Dann können die Stammzellen direkt aus dem Blut gewonnen werden.

Nach dem Frühstück gehen wir in die Klinik. Abschied an der Tür. Die aktuelle Corona-Situation verbietet die weitere Begleitung. Maren erhält nun an beiden Armen venöse Zugänge. Auf der einen Seite wird ihr Blut entnommen, durch eine Maschine gewirbelt und über den anderen Arm an Maren zurückgegeben. Die Maschine trennt das Blut in seine Bestandteile auf, so dass die wichtigen Stammzellen gewonnen werden.

Drei Stunden später kann ich Maren abholen. Wir schlendern zurück ins Hotel. Maren ist fröhlich und zufrieden. Müssen nur noch ihre Rückenschmerzen verschwinden. Es ist Mittag. Wir warten auf einen Anruf der Klinik. Es wird geprüft, ob ausreichend Stammzellen gewonnen wurden. Die Klinik ruft nachmittags an. Wir dürfen nach Hause. Maren erfährt das Alter, Geschlecht und die Herkunft des Menschen, dem ihre Stammzellen nun helfen sollen, auf dem Weg zurück ins Leben, zurück in die Zukunft.

Diesen Artikel teilen
FacebookTwitterLinkedInXINGWhatsApp