Die Stammzellspende: ein Thema, mit dem ich mich beruflich tagtäglich beschäftige. Denn als Public Relations Manager bei der DKMS möchte ich so viele Menschen wie möglich auf unsere Organisation und unsere Arbeit aufmerksam machen, ganz nach unserer Vision: Wir besiegen Blutkrebs! Um das zu erreichen, erzählen wir auf Social-Media-Kanälen und im Media Center häufig Geschichten von Spendern und Patienten. Diese sind jedes Mal emotional, gehörten für mich bislang aber zum Arbeitsalltag und weniger zum persönlichen Erfahrungsschatz – bis mich kurz vor Weihnachten 2019 ein unerwarteter Anruf erreichte. An einem Samstagvormittag erschien die Nummer der DKMS auf meinem Handy-Display. Eigentlich hatte ich mich darauf eingestellt, während meiner zwei bevorstehenden freien Wochen nichts von den Kollegen zu hören. Aber es ging gar nicht um die Arbeit. Wobei – irgendwie ja dann doch: Ich sollte Stammzellspender werden!

Registrierung als DKMS-Mitarbeiter

Registrieren lassen habe ich mich im Mai 2013, als ich bei der DKMS anfing. Ich kannte die DKMS zwar von den Werbeplakaten mit Lukas Podolski, Miroslav Klose und Sarah Connor, aber wie bei vielen anderen auch war das Thema bis dahin im Alltagsstress untergegangen.

Nach meiner Registrierung hörte ich erst mal lange nichts. Kein Wunder, es wird ja auch nur ein kleiner Teil der Registrierten zur Spende aufgerufen. Bei der Stammzelltransplantation kommt es darauf an, dass möglichst viele Gewebemerkmale, sogenannte HLA-Merkmale, von Spender und Patient übereinstimmen – bei Millionen Kombinationsmöglichkeiten gleicht das der bekannten Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Deshalb ist es extrem wichtig, dass sich viele Menschen registrieren lassen und damit anderen eine zweite Lebenschance geben.

Emrah bei der Voruntersuchung in der Entnahmeklinik in Köln

Zu Menschen, darunter auch den Kollegen, die selbst schon mal gespendet hatten, habe ich immer voller Respekt aufgeschaut. Bevor ich selbst als Spender angefragt wurde, hatte ausgerechnet auch mein jüngerer Bruder im März 2018 über die DKMS Stammzellen gespendet. So konnte ich zumindest mental jemanden in der eigenen Familie dabei begleiten und damit rückte das Thema noch näher an mich heran. Jetzt war ich selbst an der Reihe. Ein aufregendes Gefühl!

Anfang dieses Jahres stand zunächst die sogenannte Bestätigungstypisierung an. Dafür wurden mir drei Röhrchen Blut abgenommen: zwei für die Klinik des Patienten und eines für das Labor, um es unter anderem auf übertragbare Krankheitserreger zu testen. Zwei Wochen später bekam ich Bescheid: Die Analyse hatte ergeben, dass ich tatsächlich der passende Spender war.

Es dauerte schließlich bis Ende März, bis die Klinik des Empfängers die Anfrage konkretisierte. Der Zeitpunkt der Spende hängt ja schließlich von dem der Transplantation ab, dazwischen dürfen höchstens 72 Stunden liegen.

Jetzt war ich also nicht mehr nur in Wartestellung, sondern tatsächlich Spender! Man kann kaum beschreiben, was in einem vorgeht, wenn man weiß, dass irgendwo auf dieser Welt jemand auf die eigenen Stammzellen angewiesen ist. Ein surreales Gefühl, obwohl ich vorher schon so oft davon gelesen hatte und auch schon Spender bei der Entnahme begleitet habe.

Zunächst ging es aber Anfang April zur Voruntersuchung bei Cellex in Köln. Während andere Spender aus ganz Deutschland anreisen und größtenteils die Nacht davor im Hotel verbringen, konnte ich ganz bequem mit dem Fahrrad zum MediaPark radeln. Wie auch später bei der Entnahme hatte ich ein Heimspiel.

Ein paar Tage später erhielt ich dann per Post ein Fachgutachten und den medizinischen Befund der Voruntersuchung, mit dem Ergebnis, dass dieser keine Kontraindikation gegen die Stammzellspende ergeben habe. Grünes Licht also! Und das gute Gefühl, zu wissen, dass es einem selbst gut geht. Aber hier geht es ja nicht mehr nur um mich, sondern um den Patienten. Jemand braucht deine Hilfe!

Von Nadeln und Instagram

Ehrlich gesagt, mag ich keine Nadeln, und schon gar nicht, wenn ich mich selbst piksen soll. Diese Aufgabe im Vorfeld der Spendeübernahm zum Glück meine Freundin: einmal morgens, einmal abends an vier aufeinanderfolgenden Tagen sowie morgens am Entnahmetag. Insgesamt setzte sie neun Mal eine Spritze in meine Bauchfalte, um meinen Körper auf die bevorstehende Spende vorzubereiten. Der Wirkstoff G-CSF sorgt nämlich dafür, dass die Stammzellen mobilisiert und aus dem Blut entnommen werden können. In Form von Gliederschmerzen merkte ich die Nebenwirkungen; diese waren aber erträglich, vor allem, wenn man weiß, worum es geht, nämlich um Leben und Tod bei dem Patienten, der auf die Stammzellen hofft, damit er wieder gesund werden kann.

Angeschlossen dauert eine Entnahme im Schnitt 3-5 Stunden

Bereits vorher hatte ich mit unserem Social-Media-Team ausgemacht, dass wir die Tage rund um die Spende auf unserem DKMS-Instagram-Kanal dokumentieren würden. Denn persönliche Erfahrungsberichte kommen in unserer Community besonders gut an. Außerdem musste ich so nicht nur ans Spritzen denken, sondern konnte regelmäßig Fotos, Videos und Zitate erstellen, was mir großen Spaß gemacht hat. Ich erzählte in den Instagram-Storys, wie man sich auf die Spende vorbereitet, was man beachten muss und wie es einem dabei geht. Außerdem konnten die User Fragen stellen. Was ich bisher immer nur im Rahmen meiner Arbeit erlebt hatte, bekam für mich plötzlich eine viel persönlichere Bedeutung.

Der große Tag

Bei all den privaten und beruflichen Vorbereitungen kam der Tag der Spende nach der langen „Wartezeit“ dann doch ganz schnell. Gleichzeitig war ich froh, dass die Zeit des „Wartens“ vorbei ist. Angekommen im Entnahmezentrum in Köln, wurde ich auch mit Corona-Sicherheitsmaßnahmen konfrontiert: Fragebogen ausfüllen, Mundschutz auf, Fieber messen; erst dann konnte die Spende beginnen.

Obwohl bei mir besonders viele Stammzellen entnommen werden sollten, war ich mit der Entnahme nach nur 2,5 Stunden durch. Anscheinend hatte mein Körper die Stammzellen besonders gut mobilisiert, denn oft dauert der Prozess bis zu vier oder fünf Stunden.

In Coronazeiten natürlich mit Maske

Als ich danach wieder zu Hause ankam, war ich einfach nur platt und reif für die Couch. Die ganze emotionale und körperliche Anspannung fiel von mir ab, und ich wusste, dass ich noch etwas Erholung brauchen würde. Was mir dann wirklich gut tat, war ein Telefonat mit einer DKMS-Kollegin, die mir erzählte, dass die Spende nach Frankreich gehen werde und der Empfänger ein erwachsener Mann sei. Aufgrund der strengen Regelungen im Zielland darf ich den Empfänger leider nie persönlich kennenlernen. Aber das Wichtigste ist, dass sein Körper die Stammzellen gut annimmt und er wieder gesund wird.

Aber da war ja noch was: Ich hatte schließlich ein Live-Interview für Instagram versprochen. Wieder haben wir die Fragen der interessierten User beantwortet und damit viele Leute erreicht – das ging zum Glück auch vom Bett aus. Man kann gar nicht oft genug betonen, wie wichtig die Social-Media-Kommunikation für unsere Organisation ist.

Eine bereichernde Erfahrung

Ich bin froh, dass ich nach all den vielen Spendergeschichten, die ich gelesen und gehört habe, nun auch meine eigene schreiben konnte. Abschließend kann ich festhalten: Für mich persönlich war die Spende eine unglaublich bereichernde und positive Erfahrung, und ich würde es jederzeit wieder tun. Sie bestärkt mich in meinem Tun und Denken und motiviert mich noch mehr, andere Menschen dafür zu sensibilisieren, wie wichtig unsere Arbeit ist.