Nur wenige Monate nach ihrer Registrierung bei der DKMS wurde Selina Roos aus Regensburg zur Stammzellspenderin. In ihrem Gastbeitrag beschreibt die 22-jährige Studentin detailliert, was nach dem „Stäbchen rein, Spender sein“ alles geschah – und warum sie sich rund um den Eingriff stets bestens aufgehoben fühlte.

Dieser Slogan der DKMS dürfte allen bekannt sein: »Stäbchen rein, Spender sein«. Das klingt sehr nett und unglaublich simpel, und für die meisten potenziellen Spender stimmt der Spruch auch. Denn nur ein Prozent der neuregistrierten Spender spendet tatsächlich. Natürlich steckt noch viel mehr dahinter, wenn es wirklich ernst wird – das habe ich vor ein paar Monaten selbst erfahren.

Ich wurde etwa ein halbes Jahr nach meiner Registrierung im Dezember 2018 kontaktiert. Die Wahrscheinlichkeit, innerhalb des ersten Jahres nach der Registrierung zu spenden, liegt laut der DKMS sogar nur bei 0,2 Prozent. Überraschend kam das für mich also auf jeden Fall – meine neue Adresse hatte ich auch noch nicht mitgeteilt, und daher landete das an mich adressierte Paket auch erst einmal bei meinen Eltern in der Heimat. Beim nächsten Versuch fand es dann doch den Weg zu mir. Das Päckchen enthielt ein Blutentnahmeset mitsamt Umschlägen für den Rückversand. Denn bei dem »Wattestäbchen-Test«, also der Registrierung, werden vor allem nur die sogenannten Gewebemerkmale untersucht, die ausschlaggebend für die Typisierung sind. Blutwerte werden allerdings nicht erhoben. Um diese erste Typisierung zu bestätigen und um die benötigten Blutwerte zu ermitteln, bekommt man als potenziell passender Kandidat also dieses Paket zugesendet.

Als ich dieses Päckchen in den Händen hielt, stand erst einmal ein Telefonat mit einer Mitarbeiterin der DKMS an, die mich fragte, ob ich mir eine Spende vorstellen könne. Zu Beginn ist zwar noch nicht klar, ob man als Spender wirklich passt und wer überhaupt die erkrankte Person ist, für die gespendet werden soll. Darum soll es aber auch nicht gehen. Bei diesem Gespräch wird der potenzielle Spender selbst erst einmal über den genauen Ablauf einer Stammzellspende informiert, denn wahrscheinlich wissen einige erstmal gar nicht so richtig, was nach dem »Stäbchen rein« noch alles so passiert, ich miteingeschlossen. Grundsätzlich können Spender ihr Einverständnis jederzeit widerrufen. Allerdings müssen sie bedenken, dass ihr Patient, wenn die Vorbereitungsphase zur Transplantation begonnen hat, ohne eine Stammzellspende in der Regel nicht überlebt.

Für mich stand aber direkt fest: Ich will helfen.

Als potenzielle Spenderin hatte ich einen sehr positiven Eindruck, nicht nur von diesem ersten Telefonat, sondern auch von allen darauffolgenden Kontakten mit der DKMS. Ich fühlte mich gut beraten durch die Mitarbeiterin, der ich alle Fragen stellen konnte, die mir in den Kopf kamen. Auch die sehr herzliche und zuvorkommende Art der Koordinatoren machte mir die Entscheidung für diese Spende leicht. Denn als Spender wird man keinesfalls nur als Quelle für Stammzellen wahrgenommen, im Gegenteil: Auf persönliche Fragen, Einschränkungen, Vorlieben und dergleichen wird so gut es geht eingegangen, um die Umstände für den Spender so klein wie möglich zu halten. Der Spender-Gesundheitscheck hat dabei nach meiner Erfahrung einen mindestens so hohen Stellenwert wie die Ermittlung der »Matches« zwischen Patient und Spender.

Gesundheitlich wurde ich nämlich nicht nur mithilfe der Blutprobe untersucht; unter anderem füllte ich auch einen Online-Fragebogen aus, in dem ich ausführlich zu bestehenden Krankheiten, Allergien und Ähnlichem befragt wurde. Dieser Fragebogen wurde von einem Partnerlabor ausgewertet, das mich später auch noch einmal telefonisch für Nachfragen kontaktierte. Insgesamt wurde mir immer mit viel Aufmerksamkeit begegnet, was bei einem medizinischen Eingriff auch nur wünschenswert ist.

Nach etwa zwei Wochen hatte die Analyse meiner Blutwerte und der Gesundheitsangaben ergeben, dass ich die passende Spenderin für den Patienten bin. Das freute mich sehr, denn im Vorhinein hatte die DKMS mehrmals betont, dass es ein dringender Fall sei. Nun stand auch fest, dass es für mich (wie für 80 Prozent der Spender) eine periphere Stammzellspende werden würde. Das ist sozusagen eine lange Blutspende mit dem Unterschied, dass der Spender fast das ganze Blut wiederbekommt, minus die herausgefilterten Stammzellen natürlich. Zuvor musste ich allerdings noch persönlich zu einer genaueren Voruntersuchung in die Entnahmeklinik fahren. Die anfallenden Reise- und Übernachtungskosten trägt dabei immer die Krankenkasse des Patienten, genau wie bei der Spende selbst. Hierbei sind es sogar zwei Übernachtungen, denn bei einer peripheren Stammzellspende kann es passieren, dass die Menge der gesammelten Zellen an einem Tag nicht ausreicht und daher am Folgetag eine zweite Entnahme nötig ist. Aber keine Sorge – Spender sind maximal fünf Stunden am Stück und pro Tag am so genannten Zellseparator. Das ist zwar nicht ganz angenehm, aber definitiv machbar.

Die Voruntersuchung in der Klinik gestaltete sich ähnlich einer Schnitzeljagd. Am Empfang bekam ich einen Lageplan des Klinikums, worauf die einzelnen Stationen vermerkt waren. Über insgesamt etwa drei Stunden wurde ich wirklich von oben bis unten gründlich durchgecheckt. Neben einer erneuten Blutentnahme für ein großes Blutbild wurden auch meine Bauchorgane per Ultraschall untersucht und vermessen, es wurde ein Ruhe-EKG angefertigt und am Ende meiner Tour durfte ich mir den Separationsraum ansehen, in dem ich dann zwei Wochen später selbst sitzen würde. Im Anschluss wurde ich zudem durch einen Arzt befragt und noch einmal ganz konkret über den Ablauf der peripheren Stammzellentnahme informiert. Abschließend bekam ich das Medikament G-CSF überreicht, das die vermehrte Produktion von Stammzellen in meinem Körper auslösen würde. Mit neun Packungen davon verließ ich dann die Klinik.

Die Untersuchungen waren optimal verlaufen, die Vorbereitungen konnten also losgehen. Für mich bedeutete das, mir über viereinhalb Tage das Medikament zweimal täglich in die Bauchfalte zu spritzen. Das war zwar anfangs sehr ungewohnt und ich war ehrlich gesagt auch ziemlich aufgeregt, da ich noch nie selbst eine Spritze gesetzt hatte, aber nach ein paar Mal kommt eine gewisse Routine auf. Von der Wirkung des Medikaments bekam ich zum Glück nicht sehr viel mit. Ich fühlte ich mich lediglich etwas abgeschlagen und körperlich weniger fit, dazu kamen gelegentliche, leichte Gliederschmerzen, die aber nie lange anhielten. Damit war ich noch glimpflich davongekommen, denn starke Kopf- und Gliederschmerzen scheinen wohl nicht unüblich zu sein. Das passende Schmerzmittel zumindest wurde mir direkt und ohne Nachfrage mitgegeben. Alles in allem ging es mir aber gut und ich konnte meinen Alltag frei gestalten. Sport war auch erlaubt, wenn kein erhöhtes Verletzungsrisiko besteht, wie etwa Joggen oder Schwimmen. Wirklich danach zumute war mir aber nicht, weil ich mich dennoch körperlich nicht richtig fit fühlte.

Dann kam der Tag der Spende. Am Vorabend reiste ich mit einer guten Freundin an, die ich als Begleitperson mitnehmen durfte. Wie schon zwei Wochen zuvor, wurden wir auch am Tag der Spende sehr herzlich empfangen. Die Spende selbst verlief recht unspektakulär. Mir wurde rechts und links in die Armbeuge jeweils ein Zugang gelegt, womit ich an den Stammzellseparator angeschlossen war. Mein Kreislauf war einfach ein wenig erweitert worden: Rechts ging es in die Maschine und links bekam ich das Blut ohne Stammzellen wieder zurück. Wichtig zu wissen ist hier, dass einem nach der Spende nicht irgendwo Stammzellen fehlen. Nach der vermehrten Produktion von Stammzellen durch G-CSF schwimmen am Ende mehr davon im Blut als benötigt, und daher wird bei der Spende nur der Überschuss abgeschöpft. Die fünf Stunden vergingen schließlich schneller als gedacht. Die Zeit konnte man sich ziemlich gut vertreiben: mit der Filmsammlung, Lesen oder Musikhören zum Beispiel. Bei mir persönlich waren die fünf Stunden tatsächlich auch nötig, aber zu einem zweiten Entnahmetermin kam es nicht. Darüber war ich auch sehr froh, denn auch, wenn die Spende an sich nicht schmerzhaft ist, liegt man stundenlang mit zwei Nadeln in den Armen herum und kann sich nicht viel bewegen. Verständlicherweise ist es dann das Letzte, worauf man Lust hat, dass einem direkt am nächsten Tag noch einmal solche Zugänge gelegt werden.

Trotz dieser kleinen Unannehmlichkeiten bin ich sehr froh, die Spende gemacht zu haben. Als Spender wird man nicht nur von oben bis unten durchgecheckt, man gibt auch mit überschaubarem Aufwand einem schwer erkrankten Menschen eine Chance auf Heilung. Ob »meine« Patientin durch meine Spende wirklich gesund wird, weiß ich noch nicht. Vor der Spende wurde mir zwar gesagt, dass es dringend sei, aber auch, dass die Gewebemerkmale besonders gut passten. Nun ist das alles schon einige Monate her. Vor wenigen Wochen erreichte mich ein Dankeschön-Paket über die DKMS und ich hoffe, dass das heißt, dass es ihr schon etwas besser geht.

Text: Selina Roos

(22 Jahre, Studentin der Deutsch-Französischen Studien in Regensburg)

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