Pressearbeit: Wie mich eine neue Zielgruppe ins Schwitzen brachte

Wenn ich nachts um zwei aus dem Tiefschlaf gerissen würde und die zwei Methoden der Stammzellentnahme erklären sollte – ich behaupte, das würde mir (den Umständen entsprechend) gut gelingen. Seit achteinhalb Jahren arbeite ich für die DKMS, die Antworten auf die häufigsten Fragen zu unserer Arbeit sind längst in Fleisch und Blut übergegangen.

Kürzlich allerdings erhielt ich nach Jahren wieder einmal eine Aufgabe, bei der ich das große Bedürfnis verspürte, mich ausführlich und sogar schriftlich vorzubereiten: Ich sollte die altbekannten Fragen zwar morgens um zehn beantworten. Ich würde nicht schlaftrunken sein und auch keinen langen Arbeitstag hinter mir haben. Trotzdem wusste ich nicht, ob meine Antworten verständlich sein würden, denn: Dieses Mal sollte ich die lebensrettende Arbeit der DKMS acht- bis zwölfjährigen Kindern erklären – live, on air, bei einem Radiointerview für eine Kindersendung.

„Erste Methode. Periphere Stammzellentnahme, Wachstumsfaktor G-CSF, grippeähnliche Symptome, Zellseparator, Stammzellen aus fließendem Blut gewinnen“, schießt es mir durch den Kopf. Außerdem die Einsicht: Das kann ich alles streichen. Komplett. Mit acht Jahren ist man in der zweiten oder dritten Klasse. Man kennt alle Buchstaben, kann bis 20 rechnen und vielleicht auch schon bis 100. Aber was es bedeutet, an Blutkrebs erkrankt zu sein, muss ich anders erklären. Leichter. Mit einfachen Worten, vielleicht mit einem bildlichen Vergleich.

Vor langer Zeit habe ich einmal im Kontext unserer Arbeit die Geschichte von einem Drachenjungen gelesen, der neues Feuer brauchte. Vielleicht in diese Richtung? Ich stelle mir vor, wie ich das meiner Tochter erzähle. Sie ist sieben Jahre alt. Der Drache braucht neues Feuer, um weiterzuleben. Ich fürchte, das wirft mehr Fragen auf als ebendiese zu beantworten. In diesem Alter (und darüber hinaus) darf es schon etwas medizinischer sein. Ich muss also inhaltlich das erzählen, was wir immer erzählen – aber mit einem völlig neuen, simpleren Vokabular.

Jennifer zusammen mit Sofia, die im Alter von sechs Monaten eine Stammzellspende erhalten hat und heute ein gesundes und glückliches Kind ist

Ich schreibe: „Die DKMS rettet das Leben von Menschen, deren Blut krank ist. Wenn sie nicht zum Arzt gehen, sterben sie. In ihrem Blut sind böse kleine Teile, man nennt sie Zellen, die den guten den Platz wegnehmen. Ihr Körper braucht neue, gesunde Zellen, die wieder gesundes Blut herstellen. Man nennt diese Zellen Stammzellen. Und bei der DKMS sind ganz viele Menschen angemeldet, die gerne diesen Menschen helfen möchten.“

Ja, so könnte es gehen. Ich schreibe den kompletten Prozess der Stammzellspende in kurzen, knappen Sätzen und möglichst ohne komplizierte Wörter auf. Es funktioniert erstaunlich gut. Schnell findet sich so auch eine schlichte Beschreibung der „peripheren Stammzellentnahme“ (siehe oben): „Der Spender bekommt fünf Tage lang eine Spritze mit einem Medikament. Dadurch wandern die guten, gesunden Zellen, die der Kranke braucht, in das Blut des Spenders. Der Spender geht dann in ein Krankenhaus, und mit Hilfe von zwei Nadeln in seinen Armen und einer Art Filtermaschine werden die guten Bausteine aus seinem Blut herausgeholt.“

Mit jeder Zeile, die ich aufschreibe, fühle ich mich besser gewappnet für mein Interview in der Kindersendung „Zebra Vier“ bei Radio Bremen.  Die Aufregung sinkt – bis zu dem Zeitpunkt, als ich erfahre, dass die Zuhörer während der Sendung auch Fragen stellen dürfen. Hilfe! Wissen Sie, wie skurril Fragen von Kindern sein können? Und das live? Ich beruhige mich etwas, als ich feststelle, dass die Hörer ihre Fragen nur schriftlich kommunizieren – und nicht dazu geschaltet werden. Das sollte mir etwas zeitlichen Puffer einräumen.

Am Tag der Sendung bin ich trotz der intensiven Vorbereitung deutlich aufgeregter als bei ähnlichen Terminen in der Vergangenheit. Eine Stunde dauert die komplette Sendung – ich werde für vier Gesprächsrunden dazu geschaltet. Aber: Es klappt. Ich kann mein „neues“ Vokabular abrufen – und offensichtlich ist es auch verständlich genug. Denn sonst, so hatte mich die Redakteurin vorgewarnt, würde der Moderator eingreifen.

Ich bin zufrieden – und beschließe, zukünftig auch in anderen Kontexten einfacher zu formulieren. Was für Kinder verständlich ist, kann auch für Erwachsene nicht verkehrt sein. „Krankes Blut“, „gesunde Zellen“, „Filtermaschine“ und Co. sollen mich auch zukünftig begleiten – vielleicht berichte ich dann bei nächster Gelegenheit, wie Erwachsene darauf reagieren …