Christian Rex vertont hauptberuflich als Sprecher seit über 20 Jahren Projekte in den Bereichen Fernsehen, Radio, Werbung und Industrie und liebt es als Radiojournalist, Geschichten zu erzählen. Jetzt hat er eine ganz Persönliche erzählt und vertont – denn Christian reist durchschnittlich ein oder zweimal pro Monat als ehrenamtlicher Stammzellkurier durch die Welt. In seiner Reportage nimmt er uns mit auf eine Reise nach Tempe, Arizona – mit einem besonderen Koffer auf einer lebensrettenden Mission.

Die Idee, mich als Knochenmark- und Stammzellkurier zu bewerben, ist in mir gereift wie ein guter Wein. Ich bin vor einigen Jahren für eine Radioreportage nach Thailand geflogen und saß neben einem anderen Kurier, der mir von seiner Mission erzählte. Er war auf dem Weg zur Auslieferung nach Istanbul, wo sich unsere Wege dann trennten.

Drei Jahre später – das Memo, mich ebenfalls als Kurier bewerben zu wollen, stand seitdem auf meiner To Do-Liste – lag ich auf der Couch, mein kleines Baby schlief auf meinem Bauch und ich hatte Zeit zum Nachdenken. Da fasste ich den Entschluss, mich nun auch endlich zu bewerben.

Heute bin ich seit zweieinhalb Jahren Kurier für Stammzellen und Knochenmark. Jeder Transport fühlt sich für mich erfüllend an. Dazu habe ich Gelegenheit, die Welt kennen zu lernen und glaube, mir den Kerosinverbrauch und meine dadurch verheerende Klimabilanz ein bisschen schön reden zu können.

Aber ganz so einfach ist es doch nicht und so ein Transport, ob ins nahe Holland oder ferne Brasilien, ist immer eine ordentliche Strapaze. Um zu erklären, warum ich es trotzdem mache (oder vielleicht auch gerade deswegen?), nicht nur für Sie als Leser, sondern auch für mich, muss ich vielleicht einmal von so einem typischen Transport erzählen.

Los geht’s daheim am Computer. In der Transportübersicht meiner Firma Ontime Onboard Courier sehe ich, ob in dem Zeitfenster, das ich frei habe, Transporte angeboten werden. Natürlich bin ich immer mehr fasziniert von Routen nach Südafrika, Portugal, Südamerika… Aber erstens sind die selten (Standard sind Trips in die USA) und zweitens mache ich keinen Unterschied zwischen einem Patienten aus Columbus, Ohio, oder einem Erkrankten aus Oslo oder Leiden. Und drittens, und das ist Maxime bei Ontime, bewerben wir uns auf Zeiträume, nicht Ziele.

Nehmen wir also an, ich bekomme den Zuschlag für einen Transport nach Tempe, Arizona. Dann muss ich ins Kölner Büro und werde dort gebrieft. Hier geht es dann nicht nur um Patienten- und Spendernummern. Fast jeder Transport hat auch eine Besonderheit. Mal gibt es ein spezielles Papier, das ich bei der Einreise beim Zoll unterschreiben lassen muss. Mal ist die Flugstrecke besonders weit und mit Wartezeiten an Flughäfen verbunden – so wie bei dieser Reise nach Tempe, von der ich erzählen will.

Ich nehme den Transportkoffer vom Briefing mit nach Hause und denke unterwegs schon: verdammt schwer die Kiste, wieso tust du dir das nur wieder an? Zuhause stecke ich die Kühlakkus dann in den Gefrierschrank und hole sie pünktlich 24 Stunden vor Abholung wieder raus.

Die ist am übernächsten Tag morgens um 7 bei der Cellex in der MediaPark Klinik in Köln. 7 ist die Standardzeit für Abholungen dort und ich sitze mit einer Handvoll anderer Kuriere im Wartebereich, wohl wissend, dass wir es alle einig haben. Wir alle müssen den ICE um 7:55 Uhr am Hauptbahnhof erreichen. Das bedeutet einigermaßen bemühten hektischen Smalltalk. „Wohin geht’s bei dir?“, „Ach ja, da ist mir mal was passiert…“ Fast alle Kuriere sind Flugprofis und können es irgendwie gar nicht abwarten, wieder im nächsten Langstreckenflieger über den Atlantik zu sitzen. Bei mir ist das anders, ich fliege eigentlich gar nicht so gerne. Ich mag nur das Gefühl, unterwegs zu sein und mich auf unvorhersehbare Ereignisse einstellen zu müssen.

Aber jetzt gleich 15 Stunden Flugzeuge und Flughäfen? Eigentlich keine schöne Vorstellung für mich.

Dann bin ich dran. Nico Ofzcarek ist der Mann bei der Cellex, der jeden Morgen eine Übergabe nach der anderen macht. Nico ist wahnsinnig nett und ich würde am liebsten länger mit ihm quatschen. Aber dafür ist keine Zeit. Wir checken die Nummern, wir füllen die Papiere aus. Und dann, wenn Nico zum Kopieren der ausgefüllten Audits und Delivery Protokolle geht, dann liegt das Produkt, wie wir es nennen, vor mir.

Wir sind allein miteinander. Es ist das potentielle neue Leben des Patienten, das Versprechen dafür, dass es weiter gehen könnte ohne Blutkrebs. Ich nehme es, packe es in Plastikbeutel, wickle es in Papier mit Luftblasen ein, darf den Thermologger, der die Temperatur über den Transport dokumentiert, nicht vergessen. Und dann kommt es in die Kiste. Es verschwindet. Idealerweise, wenn beim Security Check keiner rein schauen will, sehe ich es erst wieder im Transplant Center in Arizona.

Ich bin jetzt derjenige, der dafür verantwortlich ist, dass es ans Ziel kommt. Von dem Moment, in dem ich mich vom Stuhl im Übergabezimmer erhebe, habe ich das Leben des Patienten in der Box. Und ab dem Moment geht es nur noch darum, das Produkt ans Ziel zu bringen, was immer dafür nötig ist.

Ich habe dann einen Tunnelblick, ich arbeite eine sich ständig erneuernde To-Do-Liste in meinem Kopf ab, bei jedem neuen Reiseschritt. Zum Beispiel ICE nach Frankfurt erreichen, ständig SMS absetzen, damit Auftraggeber, der Innendienst und das Transplant-Center informiert sind. Dann: Beim Check-In am Flughafen über die Mission informieren, nach einem Sitzplatz weiter vorne im Flieger fragen, damit ich beim Umstieg in Chicago schneller raus bin. Und am allerwichtigsten: Dafür sorgen, dass die Stammzellen nicht geröntgt werden. Rechtzeitig am Gate sein, auch dort nochmal Bescheid sagen. Und genauso im Flieger. Wenn der Abflug verspätet ist, Plan-B entwickeln, wieder mit den Flugbegleitern sprechen, eventuell den Piloten informieren und bitten, beim Tower einen Start mit Priorität zu beantragen oder eine sonstige Möglichkeit in Betracht zu ziehen. Rennen, mich an Flughäfen zurecht finden, die ich noch nie gesehen habe, mich an Warteschlangen vorbei drängeln, dreist sein, mich durchsetzen, egal, was da kommt. Und selbstverständlich passiert das, sobald ich Frankfurt verlassen habe, alles auf Englisch.

Bei diesem Transport nach Tempe passieren zum Glück keine Dinge außer der Reihe. Dennoch ist der Flug lang. Meistens lese ich erst einmal Zeitung, schreibe Tagebuch. Dann beginnt mein Film-Marathon, den ich mir gründlich zusammen komponiere. Denn schlafen dürfen wir Kuriere auf dem Hinweg nicht.

Schlaftrunken verlasse ich die Maschine in Chicago und mache mich auf den Weg zu Immigration und Customs, wo ich Bescheid sagen muss, was ich als Kurier mache und auch Papiere abgeben muss. Manchmal ist das stressig, wenn wenig Zeit ist für den Umstieg. Bei dieser Reise ist das Gegenteil der Fall. Ich habe viel Zeit, viel zu viel. Der Anschlussflieger hat irgendein Problem. Erst sollen es zwei Stunden Verspätung sein, dann sind es drei, dann vier. In Deutschland ist es schon mitten in der Nacht. Ich muss trotzdem Hansi vom Innendienst in München wecken und Bescheid geben, dass das Produkt mit Verspätung ankommen wird. Ich muss auch im Transplant-Center anrufen und Bescheid sagen, was los ist. Stunden vergehen. In Chicago wird es später Abend. In Deutschland stehen die Menschen schon wieder auf.

Der Transportkoffer und ich müssen trotzdem durchhalten. Ich verfalle in einen seltsam dämmerigen Wartezustand, bin über das Flughafen-Netz mit dem Internet verbunden, habe den Kopfhörer auf, suche immer neue Musik, halte den Transportkoffer wie an mich gekettet.

Schließlich startet der Flieger nach Phoenix. Drei Stunden später bin ich dort, nehme ein Taxi Richtung Tempe. Ich bin ziemlich fertig. Der Fahrer erklärt, er wisse genau, wo ich hin müsse, er hätte kürzlich schon einmal einen Kurier dort abgesetzt. Alles klar, denke ich, sage ihm trotzdem die Adresse und wir beginnen zu quatschen.

Oft sind es die Taxifahrten, die Fahrer, die einen bleibenden Eindruck an die Reise hinterlassen. Mal sind es in den USA Trump-Befürworter und ich muss mir in meinem müden Zustand überlegen, ob ich argumentativ dagegen halten will (was ich meistens leidenschaftlich tue). Mal sind es Einwanderer aus Indien oder Palästina. Fast immer höre ich irgendeine Geschichte, die mich mal mehr, mal weniger interessiert.

Aber die Geschichte, dass der Fahrer den genauen Plan hat, wo es hingeht, die stimmte nicht. Er wollte mich in irgendeinem Hinterhof absetzen, zwar in der Nähe der Klinik, aber doch zu weit weg, als dass ich ihn hätte fahren lassen. Um halb drei Ortszeit (in Köln geht es auf Mittag zu, ich bin bald 18 Stunden unterwegs) bin ich im Transplant-Center angekommen..

Was dann immer ganz am Schluss einer Mission kommt ist die Übergabe. Wieder Papiere, wieder Nummern, und wieder Smalltalk: „How was your trip?“ – „Great, a little bit tiring, but yeah, i made it.“

Und dann gebe ich das Produkt ab. Es ist jetzt weg, es ist am Ziel, ich kann und muss jetzt nichts mehr tun. Leere tritt ein. Die Notwendigkeit präsent und konzentriert zu sein, egal wie müde ich bin, fällt ab. Gleichzeitig schaltet sich das Bewusstsein ein und sagt mir, dass ich etwas sehr gutes, etwas sehr sinnvolles getan habe. Das fühlt sich gut und sehr erfüllend an. Aber viel Zeit ist für dieses Gefühl nicht da.

Denn nach der Übergabe verabschiede ich mich und fahre wenn möglich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Hotel. In diesem Fall so mitten in der Nacht entscheide ich mich für einen Fahrdienst. Ich bin um vier Uhr Ortszeit im Bett, helllichter Tag in Köln. Ich habe mir den Wecker gestellt, denn um 11 muss ich schon wieder am Flughafen sein.

Von 8 bis 10 lege ich mich an den Pool und kann in der schon glühend frühmorgendlichen Sonne erahnen, wie heiß es tagsüber in der Wüste Arizonas werden wird. Erleben werde ich den Tag ja zumindest bei diesem Transport nicht.

Gott sei Dank hat das Hotel ein Flughafen-Shuttle, sonst müsste ich noch mit den Öffentlichen fahren, was in den USA so gut wie immer den Bus und stundenlange Fahrt bedeutet. Und was dann kommt ist derselbe Trip zurück, diesmal über Denver und ohne Verspätungen. Und mit einem leeren Koffer. 52 Stunden nachdem ich aufgebrochen bin bin ich wieder zuhause.

Ich sage mir dann immer, dass der Patient dann schon die Transplantation bekommen hat und wieder gesund wird, hoffentlich!

Aber warum ich das trotz all der Strapazen immer wieder mache, diese lebensrettenden Missionen, das ist mir auch beim Schreiben noch nicht ganz bewusst geworden. Ich weiß nur: Wenn ich wieder zuhause bin und abends innerhalb von Sekunden einschlafe, dann ist das der erholsamste Schlaf, den ich mir vorstellen kann.

Text und Fotos: Christian Rex – Der Beitrag ist bei Deutschlandfunk Nova erschienen

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