Manchmal verändert eine Knochenmarkspende nicht nur das Leben des Patienten, sondern auch das Leben des Spenders. Diese Erfahrung macht auch Aline. Sie hatte im Oktober 2016 Knochenmark gespendet. Nun durfte sie der Frau in die Augen blicken, die ihre Stammzellen empfangen hat. Was sie in diesem Moment fühlte und welche Gedanken ihr durch den Kopf schossen, was sich im Leben von Aline verändert hat, hat sie uns im nachfolgenden Artikel erzählt.

Mai 2019. Es war 10:30 Uhr – auf der anderen Seite der Erdkugel. Ich fühlte mich seltsam ruhig, wenn auch angespannt. Ein letzter Blick auf mein Smartphone, die letzten Textnachrichten zwischen Frank und mir: „You can come“, schrieb er. Ich lächelte. Jetzt würde es gleich wirklich passieren.

Frank ist der Ehemann der Frau, der ich im Oktober 2016 Knochenmark gespendet habe. Christy. Mit einem breiten Lächeln auf den Lippen stieg ich aus dem Auto, lief den Gehsteig entlang bis zum Haus. Ein letzter tiefer Atemzug, und meine Finger drückten auf den Klingelknopf. „DONG!“

Schritte hinter der Tür. Herzklopfen!!! Die Tür öffnete sich einen Spalt und … die Welt schien für einen kurzen Moment stillzustehen … Christy schaute in die Augen der Frau, von der die lebensrettende Stammzellspende stammte – und ich schaute Christy in die Augen, die nicht wusste, wie nachhaltig sie mein Leben verändert hatte. Auch von meinem Überraschungsbesuch zu ihrem Geburtstag hatte sie nichts gewusst. Wenige Sekunden später lagen wir uns in den Armen. Freudentränen unterstrichen den Moment vollkommener Glückseligkeit. Ein Feuerwerk von Liebe und Dankbarkeit auf beiden Seiten. Es war ein atemberaubender Moment, der sich als ein unvergleichliches Erlebnis für immer in mein Gedächtnis eingebrannt hat.

Auch Christy wird diesen besonderen Moment niemals vergessen: „Meine Augen sahen sie, aber mein Verstand konnte es nicht glauben. Ich sagte mir, sie ist in Deutschland. Sie kann nicht vor mir stehen! Doch sie war hier. Sie war real, eine zierliche Frau mit dem schönsten Lächeln. Ich berührte ihr Gesicht und ihren Arm. Und während ich sie fest umarmte, versuchte ich zu verstehen, dass sie wirklich hier bei mir war. Erst wenige Stunden zuvor hatte sie mir in einer Nachricht zum Geburtstag gratuliert. Sie fragte mich, wie ich den heutigen Tag verbringen würde. Das war das zweitbeste Geschenk meines Lebens. Das beste Geschenk war ihre lebensrettende Knochenmarkspende. Ich hatte aplastische Anämie und war kurz davor zu sterben. Sie ist der Grund, warum ich wieder Zeit mit meiner Familie verbringen kann. Sie ist der Grund, warum ich lebe. Aline ist meine Heldin.“

Nach diesem ersten Aufeinandertreffen verbrachten wir eine wundervolle Zeit in den USA, geprägt von vielen emotionalen Erfahrungen, herzlichen Menschen und tiefgründigen Gesprächen. Eines der größten Geschenke in meinem Leben war es, mitzuerleben, mit welcher Freude meine Knochenmarkempfängerin heute ihr Leben lebt. Sie hat mit ihrem Mann Frank – ihrem Fels, wie sie ihn nennt –, ihrem Vater, ihren zwei Schwestern, ihren drei Kindern und sechs Enkelkindern eine wunderbare Familie, die sie liebt und die immer hinter ihr steht. So erfuhr auch ich mehr Liebe und Dankbarkeit, als ich in Worte fassen kann.

Christy hingegen hat keine Schwierigkeiten, geeignete Worte dafür zu finden: „Wie kann ich jemandem danken, der mir mein Leben gerettet hat? Ich fühle mich so glücklich, dankbar und gesegnet zugleich, weil ich immer gehofft hatte, sie würde mich nach der zweijährigen Anonymitätsfrist treffen wollen. Sie hat mich gelehrt, ein besserer Mensch zu sein. Ich mache mir keine Sorgen mehr darum, wenn mal etwas nicht perfekt läuft. Sie ist nun ein Teil unserer Familie. Und auch meine Familie ist dieser Frau so dankbar. Sie hat so viele Leben beeinflusst: das meiner Familie, meiner Freunde und so vieler anderer, die von unserer Geschichte hören.“

Ich reiste in die USA, um Christy und ihre Familie zu überraschen. Und ohne zu suchen, habe ich diese beeindruckende Frau gefunden – nicht nur meinen genetischen Zwilling, auch meine Seelenverwandte. Und eine zweite Familie. Und eine freie, unverschleierte Sicht auf das Wesentliche.

Diese Sicht wurde durch unser Treffen noch einmal deutlich klarer. Schon seit der Spende im Jahr 2016 hatte sich viel für mich verändert. Mein Verstand wusste bereits vor der Spende um das, was mir im Leben wichtig ist. Doch im alltäglichen Handeln war auch ich getrieben vom Streben nach Erfolg in vielen Lebenslagen. Arbeit, Studium, Sport. Durch die Spende machte ich eine Erfahrung, die meinen Blick für das Wesentliche schärfte. Plötzlich ging es nicht mehr darum, was andere Menschen von mir erwarten, sondern darum, was mir im Herzen guttut. Meine Prioritäten verschoben sich. Menschen kennenlernen, die Welt bereisen, Lebenszeit genießen, das Leben und die Gesundheit nicht mehr als Selbstverständlichkeit betrachten, jeden neuen Tag als ein Geschenk wahrnehmen.

Christy l.) und Aline r.)

Was ich für diese bereichernde Erfahrung tun musste? Nicht viel.

Die Registrierung war dem DKMS-Slogan entsprechend einfach: „Mund auf. Stäbchen rein. Spender sein.“ Als ich vier Jahre später als Spenderin infrage kam, organisierte und koordinierte die DKMS das gesamte Prozedere für mich, von den üblichen medizinischen Untersuchungen über die Knochenmarkspende selbst bis hin zur Kontaktvermittlung zwischen Christy und mir zwei Jahre später. Ich fühlte mich bei meinen Ansprechpartnern von der DKMS stets gut aufgehoben und bei dem Ärzteteam der MediaPark Klinik Köln in besten Händen. Mein körperlicher Einsatz war klein im Vergleich zu den großen Bergen, die man durch eine solche Spende für den Patienten versetzt.

„Für die Welt bist Du nur irgendjemand. Aber für irgendjemanden bist Du die Welt.“

(Erich Fried)

Ich persönlich habe durch meine Erfahrung mit der Knochenmarkspende viel mehr gewonnen als gegeben.

 

Autorin: Aline Müske ist 31 Jahre alt und stammt aus Kirchheim-Unterteck in Baden-Württemberg. 2012 hatte sie sich als potenzielle Spenderin in der DKMS registriert und konnte 2016 mit einer Stammzellspende einer Patientin aus den USA eine neue Chance auf Leben schenken.

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