Martin Vogel ist Stammzellspender. 2013, kurz vor Weihnachten, spendete er für einen ihm unbekannten Menschen, der dringend auf eine Transplantation angewiesen war.  Sechs Jahre später trifft er ihn, in den USA , daheim bei Andrew, dem Feuerwehrmann. Es ist eine Weltreise, ein großes Abenteuer mit vielen Emotionen und dem Beginn einer großen Freundschaft – fürs Leben. Martin Vogel hat uns seine Geschichte erzählt.

Wart Ihr schon einmal auf einer Party, auf der Ihr keinen kennt, aber jeder, wirklich jeder Gast zu Euch kommt und sich bedankt? Vielleicht kennt man das, wenn man prominent ist, aber für mich war es äußerst ungewöhnlich – aber der Reihe nach.

2012 habe ich mich auf dem Allstar Day der Basketball-Bundesliga für die DKMS registrieren lassen. Ich habe damals da gearbeitet; wir haben ein Video produziert und gezeigt, welche Sponsoren und Partner Stände im Umlauf der Ludwigsburger Halle hatten. Beim Stand der DKMS gab’s dann für mich den Klassiker: „Mund auf, Stäbchen rein“ und erklären lassen, wie einfach eine Registrierung ist. Als die Kamera aus war, haben wir dann auch den Papierkram gemacht, weil: Jetzt gab es ja nun wirklich gar keinen Grund mehr, die Registrierung nicht abzuschließen. Fun Fact: Wir haben das Video nie genutzt; mein Leben wäre mehr oder weniger genauso verlaufen, wenn ich mich damals nicht hätte registrieren lassen.

Anderthalb Jahre später saß ich mit meinem besten Freund in der Uni, als eine E-Mail reinkam: Betreff: Ihre Bereitschaft zur Lebensspende. Vier Wochen später stand fest, ich bin ein Match; kurz vor Weihnachten 2013 dann in Frankfurt die Spende. Als freier Mitarbeiter für die Gießener Allgemeine ist klar: Da machen wir eine Story draus für die Heiligabend-Ausgabe. Ich erfahre auch, dass die Spende in die USA geht … und ab dann ist Warten angesagt.

In Cleveland, Ohio, sah es derweil anders aus. Andrew Metz hatte schon einmal eine Spende erhalten, Stammzellen aus Nabelschnurblut. Das half kurzzeitig, doch dann kam die Leukämie zurück. Er fliegt quer durch die USA auf der Suche nach Hilfe, doch am Ende bleibt nur eine Knochenmarkspende – oder Sterben. Eine Woche vor Weihnachten bringt jemand einen Beutel mit 473 Millilitern Flüssigkeit aus Frankfurt, die einfach als Infusion an seinen Arm gehängt werden. Die Ärzte prognostizieren, dass er drei Monate im Krankenhaus bleiben muss – und schicken ihn bereits nach dreieinhalb Wochen wieder nach Hause, denn der Heilungsprozess läuft optimal.

Kurz vor Weihnachten 2013 spendete ich in Frankfurt Stammzellen

In den folgenden Jahren lasse ich mir immer wieder über die DKMS Updates geben. Wie geht es dem Empfänger meiner Spende? Und jedes Mal ist es positiv, jedes Mal gute Nachrichten. Ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist, dass eine Knochenmarkspende keine Garantie für eine Genesung ist, aber in diesem Fall läuft alles perfekt.

Nach zwei Jahren läuft die Anonymitätsfrist ab. Ich denke lange nach: Anonym bleiben? Ja? Nein? Am Ende entscheide ich mich dafür: Viele Empfänger und ihre Familien beschreiben im Internet, wie dankbar sie sind und dass sie den großen Wunsch haben, dem Spender danken zu können. Falls mein Empfänger das möchte, will ich ihm das nicht verwehren, denke ich.

Wieder ein paar Monate später, 2016: Kurz vor dem Einschlafen checke ich noch ein letztes Mal meine E-Mails. „Wer ist Andrew Metz“, denke ich, „und warum schreibt er mir kurz vor Mitternacht noch E-Mails?“ Als ich verstanden habe, was da los ist, bleibe ich noch ein bisschen wach. Und wir schreiben uns in dieser Nacht noch einige Mails.

Zurück ins Jahr 2019: Fünf Jahre ist der Krebs nun besiegt, die Leukämie besiegt. Grund zum Feiern, denkt Andrew, und plant eine große Party mit mir als „Stargast“. Zu dem Zeitpunkt haben wir uns immer wieder mal bei Facebook geschrieben, Mails ausgetauscht und auch mal ein Video zum Geburtstag gesendet, aber uns noch nie getroffen oder auch nur telefoniert. Trotzdem, für mich gar keine Frage, dass ich die Einladung annehme. Vier Wochen, bevor ich fliege, telefonieren wir zum ersten Mal und besprechen unsere Pläne für die Woche in Ohio. Andrew und ich sind entspannt: „We just wing it“ – „Wir machen das einfach spontan.“ sagen wir … was uns gut passt, aber unsere Freundinnen in den Wahnsinn treibt.

München – London – Dublin – Chicago – Detroit und dann mit dem Auto nach Sandusky, Gesamtreisezeit gut 33 Stunden. Obwohl ich seit Monaten wusste, dass es in die USA geht, habe ich meinen Flug natürlich erst wenige Wochen vorher gebucht und deswegen eine kleine Weltreise hinter mir, als wir ankommen (ja, ICH habe eine Weltreise hinter mir und WIR kommen an – meine Freundin war aus Arbeitsgründen schon eine Woche vorher in den USA und hatte einen Direktflug …). Sachen ins Hotel, noch schnell etwas essen und dann kurz schreiben: „Wir wären so in fünf Minuten da, passt das?“

Passt nicht: „Meine Familie ist noch auf dem Weg, die wollen unbedingt da sein, wenn Ihr kommt. 15 bis 20?“ Also fahren wir noch ein bisschen durch das Städtchen, während ich immer nervöser werde. Als wir unseren neongrünen Mietwagen abstellen, bin ich fast schon am Zittern. Drei Minuten später nicht mehr: Nach der ersten Umarmung wird geredet und geredet und geredet und sehr, sehr viel mit Andrews Katzen gespielt. Irgendwann macht Andrew mit uns eine kleine Tour durch die Stadt, bevor abends seine Freundin Taylor nach Hause kommt.

Am nächsten Tag machen wir als erstes halt an seiner Arbeit: Feuerwache 1 in Sandusky – Andrew ist Feuerwehrmann und Rettungssanitäter, rettet jeden Tag Leben. Das merken wir, als wir ankommen: Seine Kollegen rennen uns fast über den Haufen, auf dem Bildschirm mit den Meldungen steht: „Baby mit Atemnot.“ Die Erleichterung ist groß, als die Jungs eine halbe Stunde später wieder da sind und berichten, dass das Neugeborene zwar ins Krankenhaus musste, aber inzwischen wieder normal atmet.

Die Zeit in Ohio ist super: Wir fahren auf eine Partyinsel im Eriesee, gehen gemeinsam zum Baseball, grillen und verbringen viel Zeit gemeinsam. Nach Ablauf der Zwei-Jahres-Frist bekommt man eine Broschüre, die einen darauf vorbereitet, dass man mit dem Empfänger der Knochenmarkspende nichts gemeinsam haben muss, nur weil man sich genetisch ähnelt. Man muss sich nicht sympathisch finden, man muss keinen Spaß zusammen haben können. Bei Andrew und mir ist all das unbegründet. Dieses Ungleichgewicht in einer Beziehung, jemanden kennenzulernen, der einem von Natur aus diese Dankbarkeit entgegenbringt, vor dem ich Angst hatte, ist nie da.

Taylor, Andrew, ich und meine Freundin Pia beim Baseball in Cleveland

Am Samstag dann die Party. Meine Freundin Pia und ich sind anderthalb Stunden vor Beginn da, was sich als Glücksfall erweist: Zum einen können wir so noch helfen, Zwiebeln und Salat für die Burger zu schneiden, zum anderen werde ich sehr, sehr häufig umarmt von Leuten, die Tränen in den Augen haben. Taylor hat zwar meine Version der Geschichte aufgeschrieben, aber natürlich erzähle ich sie jedem noch einmal. Umgekehrt erfahre ich die andere Seite: Wie Andrews Stiefmutter vor Freude, als ich damals zugesagt hatte, aus dem Weinen nicht mehr rauskam; das Hoffen und Bangen seiner Freunde; die Erleichterung, als die Spende anschlug. Oh, und: Ist hier schon einmal jemand von einem 2,04 Meter großen, nicht mehr ganz nüchternen, freudestrahlenden Feuerwehrmann einfach hochgenommen und unter großem Jubel auf dessen Rücken durch einen Raum getragen worden? Ich schon.

Und immer wieder kommen Leute und sagen Danke – Danke für etwas, das mir selbstverständlich erscheint: mit kleinem Aufwand versuchen ein Leben zu retten. Ganz ehrlich? In einem Raum voller Feuerwehrleute mehrfach als Held bezeichnet zu werden war mir unangenehm. Da sind Leute, die in brennende Gebäude rennen, und alles, was ich gemacht habe, war im Endeffekt ein erweiterter Mittagsschlaf, bei dem die Ärzte die ganze Arbeit erledigt haben. Für mich war es tatsächlich eine Kleinigkeit: Kaum Aufwand, jederzeit war ich toll betreut durch die Ärzte und die DKMS (und das sage ich nicht nur, weil ich für deren Blog schreibe!) und am Ende das gute Gefühl, jemandem geholfen zu haben, der in Not war. Bis dato hat mir noch niemand auch nur einen Grund nennen können, warum man da nicht sofort ja sagen sollte.

Wo wir gerade beim Thema Ja-Sagen sind, hier noch ein kleiner Epilog …

Wir stehen also in diesem Saal, in dem die Party stattfindet: 45 Minuten, bevor Andrew und ich eine kleine Rede halten wollen, kommt er zu mir und sagt „Gut, also, die Ringe sind in dieser riesigen Geschenkbox, die ich beim DJ versteckt habe.“ Mein Gesicht verzieht sich zu einem einzigen Fragezeichen: Welche Ringe? „Äääh … das hab ich dir doch in der E-Mail vor ein paar Wochen geschrieben!“ „Was?“ „Dass ich Taylor einen Antrag mache …?“ „Daran würde ich mich erinnern, denke ich …“ „Oh, naja, also: Ich mache Taylor einen Antrag.“ „Okay, cool.“ – Exakt so passiert, ich schwöre auf alles, was mir heilig ist!

Eine Dreiviertelstunde später stehen wir dann also vor den 150 Gästen und erzählen im Endeffekt all das, was ich oben geschrieben habe. Pia hat die Ringe doch zu sich geholt und sitzt allein an einem Ende der Party – und was macht Taylor? Denkt sich: „Oh, die Arme sitzt ganz allein – ich sollte mich zu ihr setzen und diese komische, große Box wegstellen.“ Mir wird heiß und kalt, also leite ich über und sage „So, und eine Sache haben wir noch für euch vorbereitet … Taylor, kommst du schon einmal nach vorne?“ Als die beiden dann die Box öffnen und Andrew die Ringschachtel auspackt und vor ihr kniet, gehe ich langsam aus dem Weg …

Sie hat ja gesagt, und die Party „Fünf Jahre ohne Krebs“ wurde schnell zu einer „Taylor und Andrew sind verlobt!“-Party. Pia und ich waren noch einige Tage in Ohio; seitdem sind wir auf einem Roadtrip durch die USA. Auf dem Rückweg werden wir noch einmal bei den beiden stoppen – und spätestens die Hochzeitsreise bringt Andrew und Taylor dann hoffentlich auch nach Deutschland.

Text und Fotos: Martin Vogel

Martin Vogel ist freier Journalist und Fotograf, arbeitet unter anderem für die Basketball-Bundesliga, verschiedene Sportvereine, Tageszeitungen und Fernsehproduktionen. Der 31-Jährige kommt ursprünglich aus Gießen, lebt aber inzwischen in Bayern. 

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