Sabrina Rohrwild hat mit einer Stammzellspende nicht nur einem Menschen das Leben gerettet, sondern den Empfänger ihrer Spende auch persönlich kennengelernt. In Insights berichtet die 25-Jährige aus Schmidgaden in der Oberpfalz von ihrer Erfahrung als Spenderin und was ihr das Treffen mit dem Empfänger persönlich bedeutet.

„Meine Geschichte beginnt im Mai 2014. Damals hatte ich mich in Wackersdorf bei einer Aktion für einen kleinen, erkrankten Jungen als Stammzellspenderin registrieren lassen. „Gemeinsam für Lennard und andere – vielleicht sind Ihre Stammzellen die Rettung für einen Patienten“, lautete der Aufruf, dem ich gefolgt war. Bereits acht Monate später, im Januar 2015, bekam ich Post von der DKMS: „Bitte setzen Sie sich schnellstmöglich telefonisch mit uns in Verbindung“ stand darin, und in diesem Moment wusste ich nicht, was mit mir passiert.

Natürlich rief ich an. In einem langen, aufklärenden Gespräch nahm mir die Mitarbeiterin der DKMS meine Unsicherheit und beantwortete geduldig all meine Fragen. Nachdem mir für die Bestätigungstypisierung Blut abgenommen wurde, bekam ich einige Tage später die Nachricht, dass ich tatsächlich als Spenderin in Frage kommen würde. Ab diesem Zeitpunkt stand fest, dass ich einem anderen Menschen das Leben retten könnte!

In Frankfurt, wo später auch die Stammzellentnahme stattgefunden hat, wurde ich von Kopf bis Fuß untersucht, es wurde ein EKG geschrieben und ein Ultraschall von meinem Bauch gemacht. In einem ausführlichen und für mich sehr wichtigen Gespräch klärte mich eine Ärztin nochmals über die geplante periphere Stammzellentnahme auf. Dabei injiziert man sich vor der Spende fünf Tage lang einen sogenannten Wachstumsfaktor, der die Stammzellproduktion anregt. Die Zellen gehen aus dem Beckenknochen über in das periphere Blutsystem, wo sie am Tag der Spende mithilfe einer Art „Dialysegerät“ herausgefiltert werden.

Zunächst bekam ich allerdings die Nachricht, dass die geplante Stammzellentnahme aufgrund des schlechten gesundheitlichen Zustandes des Patienten auf unbestimmte Zeit verschoben werden müsste. Obwohl ich ihn nicht kannte, fühlte ich mich betroffen und war sehr traurig. Ich hoffte, dass es ihm bald besser gehen würde, damit ich ihm meine Stammzellen für eine Lebenschance schenken konnte.

Der neue Termin ließ dennoch nicht lange auf sich warten. Nach einem kurzen Besuch beim Hausarzt und einer erneuten Blutentnahme wurde nochmals überprüft, ob ich gesund war.

Dann ging es los – die erste Spritze mit den Wachstumshormonen stand an! Diese sahen aus wie Thrombosespritzen und mussten in die Bauchdecke verabreicht werden. Allerdings konnte ich mich selbst nicht dazu überwinden. Ich bat deshalb meine Schwester, die Krankenschwester ist, täglich zweimal um Hilfe. Die im Vorfeld beschriebenen möglichen Nebenwirkungen, etwa ein allgemeines Krankheitsgefühl, Kopf- und Gliederschmerzen, fielen bei mir gering aus. Es ließ sich alles gut aushalten – besonders mit dem Gedanken daran, was der Empfänger meiner Zellen gerade durchmachen musste. Ich ging weiterhin ganz normal zur Arbeit und half, soweit ich durfte und konnte, beim Umbau in unserer Wohnung mit.

Die Spende selbst war eher unspektakulär. Ich reiste bereits am Vortag mit einer Freundin mit dem Zug an und übernachtete in einem Hotel. Am nächsten Tag ging es schon früh los. Ich bekam die letzte Spritze, und wir fuhren sehr aufgeregt in die Entnahmeklinik, wo ich in einem großen Raum an das Entnahmegerät angeschlossen wurde. Ab dann hieß es warten, viel trinken und die Zeit vertreiben. Mithilfe meiner Freundin und des Klinikpersonals wurde die gesamte Prozedur jedoch nie langweilig.

Sabrina Rohrwild bei der peripheren Stammzellentnahme in Frankfurt

Nach gut fünf Stunden war die Entnahme beendet, allerdings stellte sich nach der Überprüfung meiner Stammzellen heraus, dass es noch zu wenige sind. Auf diese Möglichkeit wurde ich bereits im Vorfeld hingewiesen, und somit musste ich am nächsten Tag nochmals für etwa fünf Stunden an das Gerät angeschlossen werden. Der Kurier wartete bereits mit einer Box auf den Beutel mit den Stammzellen, und dann gingen meine Zellen schließlich auf die Reise. Anschließend bekam ich die Informationen über Geschlecht, Alter und das Land des Empfängers meiner Zellen. Dies war ein sehr aufregender Moment für mich. Besonders das Alter hat mich überrascht. Ich konnte einem jungen Menschen, der mit 27 Jahren praktisch so alt war wie ich, eine Chance auf ein neues Leben geben. Etwas erschöpft fuhren wir schließlich nach Hause.

Nach einigen Wochen bekam ich einen Brief von der DKMS. Darin hieß es, man habe die ersten Informationen über den Gesundheitszustand des Empfängers meiner Spende erhalten und erfahren, dass er bereits aus der Klinik entlassen werden konnte. Etwa zeitgleich erhielt ich den ersten Brief von meinem Stammzellempfänger. Dieser Moment war unbeschreiblich!

Von da an hatten wir zwei Jahre lang anonymen Briefkontakt – anders ist es in dieser Zeit nicht möglich. Und dann kam der Tag, dem ich so lange entgegengefiebert hatte! Wir durften die Kontaktdaten austauschen, und somit hatte ich den Namen, die Adresse und die Handynummer des Empfängers. Sollte ich ihn anrufen? Was sollte ich sagen oder fragen? Wie würde er reagieren? Wie würde ich selbst in diesem Moment reagieren? All diese Fragen schwirrten mir durch den Kopf, und ich beschloss, erst einmal zu warten. Der erste Kontakt ergab sich über Facebook. Noch am gleichen Tag meldete sich die Ehefrau bei mir: Ob ich die richtige Sabrina sei, fragte sie mich. Dieser Moment war so aufregend!

Sabrina und Alex besuchten in den USA gemeinsam ein Baseball-Spiel

Seitdem standen wir regelmäßig in Kontakt und planten schnell unser erstes Treffen. Bereits im August 2018 besuchten mein Freund und ich den Empfänger, Alex, und seine Familie in den USA und wurden direkt am Flughafen empfangen. In den ersten Minuten unserer Begegnung waren wir alle sprachlos und lagen uns nur in den Armen. Vor allem das emotionale Treffen mit seiner Familie und seinen Freunden war eine besondere Begegnung. Das Krebszentrum, in dem er behandelt worden war, hatte uns auch eingeladen. Wir verbrachten eine aufregende Zeit mit allen und freuen uns jetzt schon auf unser nächstes Treffen, denn Alex möchte auch nach Deutschland kommen.

Die Begegnung mit einem Menschen, dem man das Leben gerettet hat, lässt sich kaum in Worte fassen. Für mich hat sich der Kreis, der mit dem ersten Brief begonnen hatte, nach über zwei Jahren geschlossen. Die Dankbarkeit, die er und seine Familie mir bis heute entgegenbringen, kommt aus tiefstem Herzen, das spüre ich immer wieder. Über die Stammzellspende haben sich Freunde fürs Leben gefunden.“

Schicksal ist,

wenn sich zwei finden,

die sich niemals gesucht haben.

 

Text und Fotos: Sabrina Rohrwild / privat

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