Christopher Singer ist Stammzellspender und hat diesen Sommer seine russische Empfängerin Elvira in Dagestan besucht, der er 2015 eine zweite Lebenschance geschenkt hat. Im nachfolgenden Bericht beschreibt er, wie es ihm bei seiner „zweiten Familie“ in Russland ergangen ist.

„Im Folgenden werde ich über meine wundervolle Reise nach Dagestan, ins Land der Berge, bei der ich meine genetische Zwillingsschwester und ihre Familie kennenlernen durfte, berichten.

Angefangen hat alles kurz nach dem Austausch unserer Kontaktdaten zwei Jahre nach der Stammzellentransplantation. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals in meinem Leben so glücklich gewesen bin, als ich den Brief der DKMS geöffnet habe, der mir sagte, dass meine mittlerweile 16 Jahre alte genetische Zwillingsschwester Elvira heißt und mir ihre Kontaktdaten übermittelte. Noch bevor ich dazu kam, sie zu kontaktieren, schrieb sie mir bereits per Whatsapp auf Englisch und stellte sich mir vor und bedankte sich bei mir für die Spende. Nachdem ich bemerkt hatte, dass sie nur mit einem Übersetzer auf Englisch schreibt, schlug ich vor, zum Russischen zu wechseln, da ich diese Sprache bereits vor über drei Jahren angefangen habe zu lernen. Bereits an diesem Tag lud sie mich ein, sie und ihre Familie in Dagestan im Süden Russlands zu besuchen. Sicher konnte ich zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht zusagen, aber zumindest fest vorgenommen habe ich es mir. Das witzige ist, dass ich tatsächlich schon den Plan hatte, im kommenden Sommer nach Russland zu reisen, nur eben nicht nach Dagestan, sondern mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau bis Wladiwostok. Da mir dieses Treffen sehr am Herzen lag, habe ich meine Pläne geändert.

Im Juni habe ich die endgültige Entscheidung getroffen, das notwendige Visum beantragt und die Flüge gebucht. Bis zur Reise haben wir manchmal täglich, aber immer mindestens wöchentlich geschrieben.

Teetrinken mit Mutter, Großtante und Großmutter (v.l.)

Anfang August ging dann endlich meine Reise los. Nach ein paar Tagen in Moskau flog ich weiter nach Machatschkala bei Dagestan, wo ich drei Wochen bleiben sollte.

Wie mir angeboten, wurde ich direkt am Flughafen, der nahe Kaspijsk, ihrem Wohnort war, von Elvira, ihren Eltern und ihrem Onkel abgeholt. Natürlich war dieses erste Treffen sehr emotional für beide Seiten. Als wir zuhause waren, gab es direkt Mittagessen und schwarzen Tee, der in Dagestan zu jeder Tageszeit getrunken wird.

Am nächsten Tag fuhren wir für eine Woche zu ihren Großeltern in die Kaukasusberge. Dort angekommen, wurde ich intensiv von ihren Großeltern und anderen Verwandten begrüßt, die mir alle ihre unglaubliche Dankbarkeit zeigten. In dieser Woche war ich auf zwei Hochzeiten, da in Dagestan vor allem im August geheiratet wird. Außerdem haben wir ständig Verwandte besucht, haben gegrillt, Tee getrunken oder waren wandern und haben Blaubeeren und Himbeeren gesammelt. Am faszinierendsten war es für mich, durch diese kleinen Dörfer zu laufen und mitzukriegen wie die Leute dort leben.

Nach dieser Woche und einer fünfstündigen Rückfahrt waren wir wieder in Kaspijsk. Dort waren wir oft am zehn Minuten entfernten Kaspischen Meer baden. Außerdem war ich schon wieder auf zwei Hochzeiten und einem groß gefeierten 20. Geburtstag. In der nahe gelegenen Stadt Machatschkala, welche die Hauptstadt der russischen Teilrepublik Dagestan ist, waren wir sehr oft, zum Spazierengehen, in der großen Markthalle und um Verwandte und Freunde zu besuchen und mit ihnen Zeit zu verbringen. Hier studiert Elvira außerdem auf einer Kunstberufsschule Environment Design. Zuhause zeigte sie mir auch ihre bisher angefertigten Zeichnungen. Diese reichten von Malereien bis zu architektonischen Zeichnungen. Die Bilder haben mir gezeigt, dass sie definitiv künstlerisch begabt ist und das richtige Studienfach gewählt hat.

Weiterhin haben wir mehrere Tagesausflüge zu wunderschönen Naturlandschaften in Dagestan wie einem Canyon und einem wunderschönen Luftkurort, namens Gunib, in den Bergen gemacht.

In der Zeit, in der wir einfach nur zuhause waren, habe ich mich auch ausführlich mit Elviras Mutter über die fünfjährige Zeit unterhalten, in der Elvira krank war und mir wurden einige Fotos von Elvira vor, während und nach der Krankheit gezeigt. Ihre Mutter meinte auch, dass sie, seit sie am Tag der Transplantation den Beutel mit meinen Stammzellen gesehen hat, ständig daran gedacht hat, dass sie unbedingt den Menschen kennenlernen will, der diese Spende vollbracht hat. Ich kann mich auch noch genau an den Tag meiner Stammzellenentnahme erinnern. Danach sagte der Arzt, dass sich irgendwo auf der Welt jemand bald richtig freuen wird. Er sollte Recht behalten.

Elvira, ihre kleine Cousine und Christopher bei einem Tagesausflug

Insgesamt war ich rund um Kaspijsk zwei Wochen lang unterwegs. Bereits drei Tage vor meiner Abreise merkte ich schon, wie schwer mir der baldige Abschied fallen wird. Am Tag des Abschiedes war es für mich dann dennoch nochmals emotionaler als erwartet. Ich wurde wieder zum Flughafen gebracht, von wo aus es wieder zurück für einen letzten Abend nach Moskau ging.

Auch wenn mir gewaltige kulturelle Unterschiede zwischen Deutschland und Dagestan aufgefallen sind, habe ich mich immer wohlgefühlt, meine oft andere Meinung wurde immer respektiert und eine derartige Gastfreundschaft habe ich in meinem Leben noch nie erfahren. Zusammenfassend hatte ich die wahrscheinlich schönste Reise meines Lebens und habe dabei zudem eine zweite Familie hinzugewonnen. Neben der Gastfreundschaft, dem bekundeten Respekt und der Dankbarkeit war für mich aber definitiv das mit Abstand schönste Geschenk, jeden Tag zu sehen und zu spüren, dass Elvira gesund ist, dass sie ein unglaublich nettes, kinder- und tierliebes sowie allgemein sehr lebensfrohes Mädchen ist, das nach fünf langen Jahren Krankheit endlich wieder ein normales Leben führen kann.

Von der Familie wurde ich bereits für das nächste Jahr eingeladen. Falls es zeitlich möglich ist, werde ich es auf jeden Fall versuchen. Ich bin mir definitiv sicher, dass es nicht die letzte Begegnung gewesen sein wird.“

Abschied am Flughafen: Elvira, Christopher und Elviras Mutter (v.l.)

Text: Christopher Singer

Durch seine regelmäßige Blutspende wurde der Finanzbuchhalter 2011 auf die Stammzellspende aufmerksam und registrierte sich bei der DKMS.  Der 28-Jährige lebt in Berlin und interessiert sich sehr für Sprachen. Neben Russisch, spricht er ein wenig Ukrainisch und aktuell lernt er Italienisch. In seiner Freizeit engagiert sich Christopher Singer auch ehrenamtlich für die DKMS.

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