Um mehr Blutkrebspatienten eine zweite Chance auf Leben zu ermöglichen, motiviert die DKMS möglichst viele Menschen auf unterschiedlichen Wegen, sich als potenzielle Stammzellspender registrieren zu lassen. Mit der Unterstützung durch die Medien, aber auch von jedem Einzelnen, der unser Thema weiterträgt, erreichen wir die Menschen und erzählen von den Schicksalen der Patienten und deren Hoffnung auf ein Überleben. Aber auch die Arbeitswelt kann eine große Rolle spielen, um das persönliche Engagement von Menschen im Kampf gegen Blutkrebs zu wecken.

Einen nicht unerheblichen Teil unserer Zeit verbringen wir bei der Arbeit, oft mit vielen Kollegen, montags bis freitags oder auch am Wochenende. Dabei wünscht sich jeder ein gutes Arbeitsklima und freut sich über eine kollegiale Atmosphäre. Auch das Unternehmen selbst soll etwas dazu beitragen. Mitarbeitern einen Rahmen bieten, in dem man sich mit dem Unternehmen verbindet, sogar identifiziert. Es geht um echte Unternehmenskultur und Haltung – authentisch vorgelebt von „ganz oben“. Unternehmen, die es geschafft haben, einen solchen Rahmen zu bieten, profitieren in großem Maße von zufriedenen, engagierten und letztlich produktiven Mitarbeitern.

Jede Menge Energie also, die sich auch im Kampf gegen Blutkrebs einsetzen und mit Unternehmenskulturen verbinden lässt. Schon immer waren „Firmenaktionen“, wie es bei der DKMS heißt, ein wichtiger Faktor bei der Neuregistrierung von Spendern. Viele Menschen an einem Ort, die Stammzellspender werden möchten, kombiniert mit den Strukturen eines Unternehmens – ein schneller und einfacher Weg, um möglichst viele Menschen zu erreichen.

Eine der größten Firmenaktionen der letzten 15 Jahre hat jüngst stattgefunden – bei SAP. Der deutsche Softwaregigant aus dem badischen Walldorf hat in einer beispiellosen Aktion über 2.300 Mitarbeiter an verschiedenen Standorten motiviert, sich als potenzielle Lebensretter bei der DKMS registrieren zu lassen – ganz nach dem Leitmotto „Together, we can help the world run better and improve people’s lives“. Insgesamt stehen damit schon mehr als 3.500 SAP-Mitarbeiter als potenzielle Lebensretter zur Verfügung.

SAP hat die gesamten Kosten der Registrierung übernommen; v.l. Eva-Maria Jährling, Dr. Bernd Welz, Iris Theisen (DKMS) und Cawa Younosi

Grund genug für uns, nach Walldorf zu fahren und über die Registrierung von Mitarbeitern als potenzielle Stammzellspender, den Kampf gegen Blutkrebs und die Firmenphilosophie von SAP zu sprechen. Cawa Younosi (Head of HR), Dr. Bernd Welz (Chief Knowledge Officer) und Eva-Maria Jährling (Global Health Management) haben uns ihre ganz persönlichen Eindrücke von der gemeinsamen Firmenaktion geschildert und uns einen Einblick in die Welt von SAP gegeben.

Über 2.300 Kollegen haben sich bei dieser Aktion registrieren lassen. Zur Aktivierung der Mitarbeiter im Vorfeld wurde ein Video gedreht und im Unternehmen verbreitet. Was wird da gezeigt und wozu sollte es dienen?

Bernd Welz: In dem Video erzählen zwei Kollegen, die schon jeweils für einen Patienten Stammzellen gespendet haben, von ihrer Spende. Es war uns damit wichtig zu sagen, dass es schon Kollegen gibt, die gespendet  haben und auch die Information „Ach so, das geht über Blut“ zu verbreiten. Denn Stammzellspende – das ist ein schwieriges Wort – das klingt schmerzhaft. Das klingt, als würden diese Stammzellen da irgendwo rausgeschnitten. Das schreckt viele ab. Deswegen war es uns in jeder Kommunikation hierzu wichtig, die Botschaft zu vermitteln, dass die Entnahme im Falle einer Spende in der Regel über das Blut erfolgt. Und das wird im Video nochmal sehr schön gezeigt und dargestellt.

Eva-Maria Jährling: Diese Kollegen wurden auch 2016 hier im Unternehmen von unserem globalen Personalvorstand Stefan Ries geehrt und eigneten sich damit perfekt, um jetzt die Kollegen erneut zu motivieren und authentisch über das Thema Stammzellspende zu informieren.

So eine Aktion zu organisieren, ist im laufenden Arbeitsprozess eine Herausforderung. Was hat ihnen dabei besonders geholfen?

EMJ: Die Technik. Die ganzen Materialien, also Dokumente, FAQs, Prozessbeschreibungen, kamen zentral zu uns nach Walldorf und wir haben dann deutschlandweit die Helfer zu einem Skype-Call eingeladen. Wir haben sie gebrieft, was sie vor Ort bei der Aktion tun müssen. Hier am Headquarter konnten wir das gesamte Health Management Team einbinden. Das war schon spannend und hat wunderbar geklappt. Es war enorm hilfreich auf die technische Unterstützung zurückgreifen zu können. Wir haben zum Beispiel ein Tool genutzt, mit dem wir die ganzen Dokumente wie Teilnehmer- und Helferlisten untereinander teilen konnten. Die Standorte haben sich dann sogar „gebattelt“, wer aktuell die meisten Teilnehmer hat. Das war total spannend und motivierend.

Die Organisation der Aktion ist das eine, aber wie haben sie die Mitarbeiter erreicht?

Cawa Younosi: Ein Grund, wieso es aus meiner Sicht funktioniert hat und den will ich auch weitergeben, weil das ja kein Marketing-Gag von uns war, war, dass wir die Aktion über eine ganze Woche und nicht nur einen Tag und an allen Standorten gemacht haben. Natürlich gab es im Vorfeld die Unterstützung durch den Vorstand bei der Mitarbeiterversammlung. Denn es ist wichtig, dass gesehen wird, dass es „von oben“ auch gewünscht wird und sie auch mitmachen. Aber auch, weil wir es für die Mitarbeiter so leicht wie möglich gemacht haben. So nach dem Motto „Ach, wenn ich schon da bin, dann mache ich das eben!“. Deswegen waren wir in den Kantinen zur Mittagszeit an allen Standorten, so kam im Grunde genommen niemand daran vorbei und konnte mitmachen.

Von links Eva-Maria Jährling, Cawa Younosi und Dr. Bernd Welz

Interessant, neben den tollen internen Rückmeldungen auf die Aktion, waren aber auch die vielen Rückmeldungen auf die externe Kommunikation, obwohl es nur über meinen persönlichen Linkedin-Account war. Ich hoffe sehr, dass auch alle Unternehmen, die mir versprochen haben mitzumachen, auch wirklich nach unserer Aktion an die DKMS herangetreten sind. Ich habe einige der Tipps, wie wir es gemacht haben, dort auch mit anderen Unternehmen geteilt.

Das hat mich sehr gefreut, dass nicht alle nur geliked haben oder sonst was, das geht ja leicht, sondern auch gefragt haben, wie wir das persönlich gemacht haben, weil die Zahl der Registrierungen schon beeindruckt hat.

Es gab ja einen aktuellen Patientenfall, das Kind einer Kollegin ist an Blutkrebs erkrankt. Inwiefern hat dieser Fall die Aktion verstärkt?

CY: Das ist für mich eine Besonderheit bei dieser Aktion, das muss ich sagen. Wir haben zwar eine betroffene Kollegin gehabt, deren Kind erkrankt ist, aber wir haben das nicht in den Vordergrund gestellt. Hier vor Ort, in dem betroffenen Bereich, war das natürlich der Motivator, in unserer bundesweiten Kommunikation haben wir es aber neutral gemacht und nicht gesagt: „Hier haben wir ein betroffenes Kind, bitte macht mit!“. Das ist vermutlich etwas anders, als wir es in der Vergangenheit gemacht haben. Wir haben ja bereits 1997 mit der DKMS zusammen zur Stammzellspende aufgerufen, da hatten wir einen konkreten Anlass, auf den die Aktion ausgerichtet war. Jetzt haben wir die breite Kommunikation an die Belegschaft ohne Bezug auf eine betroffene Person angesprochen, ganz im Sinne von „Together, we can help the world run better and improve people’s lives“.

Und das hat richtig gut funktioniert!

CY: Absolut. Ich war vor zwei Wochen in Berlin bei einer Coffee-Session, so nennen wir unsere Mitarbeiterversammlung. Wir haben dort gefragt, nach welchen Kriterien die Mitarbeiter einen Arbeitgeber heutzutage aussuchen und die Antworten waren nicht mehr Dinge wie Firmenwagen und Jahreszielgehalt, sondern die Kultur des Unternehmens, das, wofür das Unternehmen sich engagiert. Talente wollen Teil dieses Engagements sein, nicht einfach nur ihre Arbeit erledigen. Und da hat ein Kollege, der erst seit drei Monaten bei uns ist, tatsächlich von der Aktion erzählt und dass ihn das auch dazu bewogen hat, zu SAP zu kommen, weil wir uns nicht nur um Gewinne und Profite kümmern. Auch andere Teilnehmer bekräftigten, wie wichtig es ihnen ist, wie ein Unternehmen ist und nicht nur, was es macht. Und wenn jemand helfen kann, die Welt ein besser zu machen, dann sind das die Unternehmen.

Ist es das, was sie unter #LifeatSAP verstehen?

CY: Ja, also #LifeatSAP ist ein Kanal, über den wir alles kommunizieren, also nicht nur Mitarbeiterthemen, sondern auch andere Themen. Dazu muss man wissen, dass wir keine Social Media-Guidelines haben. Jeder Mitarbeiter kann teilen, was er will. Wenn man dann nach SAPlern im Netz sucht und schaut, was die teilen, stellt man schnell fest: Es ist cool, inklusiv zu sein, es ist cool, Themen wie Diversity, wie Inklusion, unser „Autism at Work“-Programm oder eine solche Aktion wie mit der DKMS zu sharen. Das muss man als Unternehmen gar nicht mehr viel machen. Und da sieht man die innere Bereitschaft, dass sich die Mitarbeiter nicht unbedingt mit den Produkten von SAP oder unseren Gewinnzahlen nach außen zeigen wollen, sondern ausschließlich über diese Themen. Und das macht für uns die Arbeit leichter. Wir haben noch viele andere Projekte, die wir nebenbei machen. Es ist ein innerliches Bedürfnis der Kollegen, diese Dinge über ihre persönlichen Profile im Netz zu promoten.

Über 3.500 SAP-Mitarbeiter haben sich bereits als Stammzellspender registrieren lassen

EMJ: Ja es bringt uns so ein bisschen wieder zurück zur SAP-Familie. SAP ist ja quasi entstanden in einer Garage, im wahrsten Sinne des Wortes. Und wir hatten diesen Familiencharakter über viele Jahre. Und durch diese Aktion hat man so richtig wieder gespürt, dass wir alle zusammen gehören und das gleiche Ziel haben: dass es uns wichtig ist, wie es anderen Menschen geht, dem Kollegen, aber auch den gesellschaftlichen Auftrag ernst nehmen und die soziale Verantwortung. Das hat man jetzt, durch diese Aktion, so richtig gespürt.

BW: Ich habe das auch an den Reaktionen im Vorfeld gemerkt, wenn ich Mails zu dieser Aktion rausgeschickt habe. Selten habe ich so viele Rückmeldungen bekommen, in denen sich die Mitarbeiter bedanken mit „Hey Mensch, toll, dass wir so etwas machen!“. Auch die Kollegen, die bei der Aktion geholfen haben, waren unglaublich dankbar und meinten: „Toll, dass wir da mitmachen durften!“. Wir sorgen füreinander und sind deshalb so engagiert in der Community – für diese Aktion, für die Patienten, für alle unsere Projekte und letztlich für SAP.

Hätten sie denn selbst mit einem solchen Erfolg gerechnet?

CY: Also eigentlich habe ich eine Wette verloren, denn ich hatte mit diesem Erfolg nicht gerechnet. In der Vorbereitung hatte ich gefragt, wie viele Leute erfahrungsgemäß bei so etwas mitmachen und ob es sich überhaupt lohnt, die Aktion über eine ganze Woche zu machen. Als es dann hieß, so 200 bis 300 könnten wir schaffen, war für mich klar, dass wir mehr Werbung machen müssen. 22.000 Mitarbeiter, die sollen alle Wind von der Sache bekommen. Und als wir dann am ersten Tag die Zahlen gesehen haben, mussten wir direkt über das Budget sprechen, also im positiven Sinne. Das war schon toll.

Was hat dieser Erfolg über die Aktion hinaus bewirkt?

BW: Das war besser als jede Teambuilding-Maßnahme, wie auf Bäume klettern. Es hat die Loyalität zum Unternehmen weiter gestärkt: „Ich bin so stolz, dass SAP sowas macht!“. Ja, und das muss ich auch persönlich sagen: Ich finde es auch toll, dass ich als Bereichsleiter die Freiheit dazu habe, so etwas zu unterstützen. Und ich weiß auch umgekehrt: Wenn ich das mache, ist es auch im Sinne des Vorstandes. Da muss man nicht groß um Erlaubnis fragen, sondern es ist ganz klar, dass wir da etwas machen.

EMJ: Es hat unserer Unternehmenskultur noch mal einen ganz neuen Schub gegeben.

SAP ist weltweit aufgestellt, wäre so eine Aktion auch international vorstellbar?

EMJ: Ja, unbedingt. Wir haben diese Aktion auf unserer globalen Mitarbeiterversammlung vorgestellt, auf der auch unser Vorstandsvorsitzender Bill McDermott anwesend war. So haben es die ganzen Kollegen weltweit mitbekommen und die Resonanz war toll. „Was habt ihr da für eine Aktion? Was ist denn das?“ und viele weitere Fragen kamen zurück und im Mai hat dann auch an sechs Standorten in den USA eine Firmenaktion stattgefunden. Ich denke, dadurch werden wir jetzt mehr und mehr Awareness und Offenheit für dieses Thema bekommen und das wollen wir auch so. Also ein sehr schöner Push-Effekt, den das Ganze hatte.

Herr Younosi, als Verantwortlicher für alle deutschen Mitarbeiter, wie stolz sind sie?

CY:  Also ich bin sehr stolz, dass so viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bei dieser Aktion mitgemacht haben, wie schon bei zahlreichen anderen Aktionen. Und vor allem, dass es von den Mitarbeitern selbst kommt und nicht einfach nur „von oben“, von der Geschäftsleitung, vorgegeben wird. Wir schaffen nur die Rahmenbedingungen und das macht SAP aus, das macht unsere Familie aus und darauf kann man nur stolz sein!

Aber wir hoffen, und das ist mir jetzt wichtig, dass nicht nur bei uns Interesse für dieses Thema da ist und nur hier eine so tolle, erfolgreiche Aktion stattgefunden hat, sondern dass wir viele Nachahmer finden. Weil am Ende geht’s um die Sache und nicht darum, wer am besten dasteht.

Vielen Dank für das Interview!

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