Zum 59. Kongress der Amerikanischen Gesellschaft für Hämatologie (ASH) begrüßte Atlanta die aus zahlreichen Ländern angereisten Teilnehmer mit einem eindrucksvollen Schneesturm, den es nach Aussage der Einwohner so zuletzt vor fünf Jahren gegeben hat.

Wie in jedem Jahr wurden beim ASH die wichtigsten neuen Erkenntnisse aus Klinik und Forschung zu Erkrankungen des blutbildenden Systems zwischen Hämatologen und Wissenschaftlern ausgetauscht.

Wir, Falk Heidenreich und Sarah Wendler, sind in der wissenschaftlichen Einheit für klinische Studien der DKMS (Clinical Trials Unit – CTU) tätig. Mit diesem Bericht möchten wir einen kurzen Einblick in die neuesten Ergebnisse aus  zwei Bereichen der Stammzelltransplantation geben:

1) Strategien zur Vermeidung von GvHD (Graft vs Host Disease, Transplantat-gegen-Wirt Erkrankung), einer bei jedem zweiten Patienten auftretenden Angriffsreaktion der im Transplantat vorhandenen Immunzellen gegen die Zellen des Körpers.
2) Neue Marker zur Verbesserung des Spenderauswahl

Leslie Kean präsentierte die Ergebnisse einer prospektiven Studie, welche die Verabreichung von Abatacept an Patienten mit einem 7/8 HLA-Mismatch Spender untersucht hat. Erfreulicherweise reduzierte sich die Rate an Patienten mit akuter, schwerwiegender GvHD, was eine zusätzliche Chance auf das Überleben sowie eine verbesserte Lebensqualität ermöglichen könnte. Das Mittel ist für die Therapie von rheumatoider Arthritis und als Immunsupressivum bei Nierentransplantationen bereits zugelassen, bisher aber nicht für die Behandlung von GvHD nach Stammzelltransplantation.

Zur Vorbeugung von GvHD werden Patienten mit einem haploidenten Stammzellspender bereits erfolgreich mit Cyclophosphamid nach Transplantation behandelt. Eine Studie der EBMT (European Group for Blood and Marrow Transplantation, Europäische Gesellschaft für Stammzelltransplantationen) zeigte, dass diese Therapie auch für die GvHD-Prophylaxe nach Stammzelltransplantation von einem Spender mit einer 8/8 HLA-Übereinstimmung (verwandt oder unverwandt) effektiv ist.

In einer retrospektiven Studie fand die Forschungsgruppe um Giancarlo Fatobene aus Seattle heraus, dass chronische GvHD nach Transplantation mit Nabelschnurblut oder Stammzellen von einem haploidenten Spender seltener auftritt als nach Transplantation von Stammzellen eines unverwandten Spenders mit einer 7/8 Übereinstimmung. Einzelne Vergleiche werden derzeit noch in randomisierten, prospektiven Studien untersucht um Effekte aufgrund von anderen Einflussfaktoren (z.B. GvHD-Prophylaxe) auszuschließen.

Um den geeigneten Spender zu finden, bedarf es allerdings mehr als nur den HLA-Matching Status, wie eine Studie des CIBMTR (Center for International Blood & Marrow Transplant Research, Internationales Zentrum für Stammzelltransplantationen) zeigte. Ein vollständig passender Spender im Kontext einer unverwandten Spende bietet immer noch die besten Chancen auf Heilung. Über die Jahre wurden zusätzliche Merkmale solcher Spender untersucht (z.B. Cytomegalovirus-Status, Blutgruppe und Alter) und positive sowie negative Effekte dieser aufgedeckt. Eine Gewichtung der einzelnen Merkmale konnte nicht erzielt werden, dafür wurde aber folgendes deutlich: Je jünger der Spender, umso höher ist die Überlebenswahrscheinlichkeit des Patienten.

Seit mehreren Jahren typisiert die DKMS auch KIR-Gene, um den bestmöglichen Spender zu finden. In diesem Jahr haben wir zudem eigene Forschungsprojekte zur Rolle von NK-Zellen bei der Stammzelltransplantation auf den Weg gebracht. Ein besonderer Fokus liegt hierbei in der Betrachtung von KIR-Rezeptoren. Das sind Oberflächenproteine von NK-Zellen (Natural Killer Cells, natürliche Killerzellen), die Immunreaktionen des Körpers beeinflussen. Einige Kongressbeiträge thematisierten den Einfluss von NK-Zellen und KIR-Genen des Spenders auf den Erfolg einer Transplantation.

Scott Solomon und Kollegen haben ein signifikant verbessertes Gesamtüberleben von haploident transplantierten Patienten mit KIR-Rezeptor-Ligand-Mismatch gezeigt. Sie unterstreichen damit die Relevanz des Themas und die Notwendigkeit von weiterführenden Untersuchungen auch bei unverwandter Stammzelltransplantationen mit unverwandten Spendern. Die Autoren empfehlen neben der routinemäßigen Typisierung von HLA-DP auch die Untersuchung der KIR-Gene des Spenders. Beide Analysen sind im DKMS Life Science Lab bereits etabliert und könnten in Zukunft zur verbesserten Auswahl unverwandter Stammzellspender beitragen.

Die Gruppe um Katy Rezvani konnte mittels einer Analysemethode, genannt CyTOF, zeigen, dass nach Transplantation mit Nabelschnurblut eine höhere NK-Zell-Diversität in Patienten, die sich ein Jahr nach Transplantation in Remission befanden, vorliegt – verglichen mit denen, die einen Krankheitsrückfall erlitten. Besonders auffällig war dieser Diversitätsunterschied in der KIR-positiven NK-Zell-Population. Die NK-Zellen aus Nabelschnurblut waren signifikant weniger divers als NK-Zellen aus dem Blut von erwachsenen Spendern, wobei in dieser Gruppe die CMV-seropositiven Spender wiederum eine besonders große NK-Zell-Diversität aufwiesen. Auch diese Erkenntnisse sind Puzzleteile, die in Zukunft zu einer verbesserten Spenderauswahl beitragen können.

Nicht nur KIR-Gene sind von Bedeutung, auch andere Marker, wie z.B. MICA sind vielversprechende Faktoren, welche die Spenderauswahl zukünftig verbessern könnten.

Sagar Patel und Mitarbeiter untersuchten den Einfluss eines Dimorphismus des MICA-Gens. Das MICA-Protein weist dabei an der Aminosäureposition 129 entweder ein Valin oder ein Methionin auf und bindet den NK-Zell-Rezeptor NKG2D unterschiedlich gut. In dem Forschungsprojekt konnte gezeigt werden, dass der Beitrag von NK-Zellen zum Schutz vor CMV-Infektionen durch den MICA-Dimorphismus entscheidend beeinflusst wird: Tritt bei dem Spender der MICA-129 Val/Val Dimorphismus auf, hat der Patient ein erhöhtes Risiko einer CMV-Infektion.

Der Kongress lieferte somit neue Perspektiven für die Therapie von Patienten mit Erkrankungen des blutbildenden Systems, insbesondere zur Prävention von GvHD. Zusätzlich gibt es vielversprechende Ansatzpunkte, die Spenderauswahl gezielter vornehmen zu können, um Patienten eine zweite Chance auf Leben zu ermöglichen.

Den Report zum ASH-Meeting 2016 lesen hier: Teil 1 und Teil 2
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