Dr. Anna Torrent koordiniert seit November 2016 den „Follow-Up Service for Post-transplant Side Effects“, ein Beobachtungsprogramm für Patienten im Anschluss an eine Stammzelltransplantation, im Krankenhaus ICO Badalona – Germans Trias i Pujol. Die dreißigjährige Hämatologin öffnete uns die Türen ihrer Praxis, um uns aus erster Hand von ihrer täglichen Arbeit zu berichten und betonte, wie wichtig dieses von der DKMS unterstützte Programm ist.

Dr. Anna Torrent

Dr. Anna Torrent

Worum handelt es sich bei diesem Programm?
Wir haben eine fachübergreifende Einheit gegründet, die Patienten nach Erhalt einer Stammzellspende beobachtet und eine Verlaufskontrolle macht. Sollten infolge der Transplantation Komplikationen auftreten, so können diese frühzeitig erkannt werden. Wir leisten in diesem Bereich Pionierarbeit, wir haben bei Null angefangen und mussten das ganze Projekt mit den teilnehmenden Ärzten aus den unterschiedlichen F

achrichtungen erstmal koordinieren. Gleichzeitig haben wir schon damit begonnen, die ersten Patienten zu kontaktieren, um schließlich auch mit ihnen arbeiten zu können. Allein in unserem Krankenhaus haben wir 77 Patienten gefunden, die an diesem Projekt teilnehmen möchten.

Welche Art von Patienten behandeln sie täglich?
Meine Patienten sind Empfänger einer Stammzellspende, bei denen die Transplantation schon länger als zwei Jahre zurück liegt. Sie haben stark gelitten, mussten mit einer schweren Krankheit zurecht kommen und ihre einzige Aussicht auf Heilung war die Stammzelltransplantation. Das ist ein langer und intensiver Prozess. Diese Menschen sind physisch und psychisch sehr stark, denn um bis zu diesem Punkt zu gelangen, mussten sie unzählige Schwierigkeiten überwinden. Darüber hinaus sind sie hämatologisch sehr gut informiert und wissen viel über ihre Krankheit. Aus medizinischer Sicht sind eine besondere Beobachtung und eine Verlaufskontrolle bei diesen Patienten notwendig, weil sie eine sehr aggressive Behandlung mit Chemotherapie und hohen Dosierungen von Giftstoffen über sich ergehen lassen mussten.

Welches sind die häufigsten physischen und psychischen Probleme dieser Menschen?
Der Transplantationsprozess und die anschließende Erholungsphase dauern in der Regel länger als ein Jahr und sind sehr hart. Während dieser Zeit hören die Patienten krankheitsbedingt auf zu arbeiten, sie haben wenig Kontakt zu ihren Freunden, sie können weder hingehen wohin sie möchten, noch all das tun, was sie von früher gewohnt waren. Dementsprechend schwer ist es, nach so einem Prozess wieder in ein normales Leben zurückzukehren. Die Patienten fühlen sich körperlich oft schlecht, werden früher müde und haben verschiedene weitere körperliche Probleme, die durch den Eingriff entstanden sind. Schwieriger ist aber meist die emotionale und psychologische Situation für die Patienten, denn um diesen erschöpfenden Prozess zu überstehen sind große Anstrengungen notwendig. Das Leben des Patienten wird auf den Kopf gestellt.

Wie laufen die Nachuntersuchungen ab?
Gemeinsam mit den Hämatologen mache ich im Krankenhaus Routine Check-Ups für die Empfänger einer Stammzellspende. Ich werde den Patienten vorgestellt und nachfolgend analysiere ich ihre Akte mit Blick auf Krankengeschichte und Risikofaktoren, durch die sich Komplikationen ergeben könnten. Das sind ziemlich lange Besuche und ich stelle dort sehr viele Fragen. Ich will wissen, bei welchen Ärzten die Patienten waren, welche Übungen gemacht werden, was sie essen und wie sie sich fühlen. Ich überprüfe alles und wenn ich ein potenzielles Problem sehe, kommuniziere ich das dem zuständigen Spezialisten. Meine Rolle gleicht der eines Hausarztes, nur eben für Transplantationspatienten. Die Patienten können mich jeder Zeit aufsuchen, sobald etwas aufkommt, meine Tür ist immer offen.

“Empfänger einer Stammzelltransplantation benötigen spezielle Überwachung und Folgeuntersuchungen.“

Warum ist eine solche Einheit wichtig?
In den Krankenhäusern, in denen die Transplantationen durchgeführt werden, sind die Hämatologen sowohl für den hämatologischen Part zuständig, als auch dafür, die nötigen Tests anzufordern, falls durch eine Transplantation Komplikationen ausgelöst werden. Dabei gibt es vieles, das beobachtet und in Betracht gezogen werden muss. Um all das genau zu strukturieren und zu organisieren, ist dieser spezielle Service die beste Möglichkeit. Zusätzlich können wir durch dieses Projekt unsere Transplantations-Datenbank zu erweitern. Wir können alle Daten von Komplikationen, denen wir begegnen, aufnehmen. Auf Basis dieser Daten können wir Studien durchführen und herausfinden, welche die häufigsten Probleme sind, wie die Behandlung war und was wir außerdem für die Patienten tun können. Aktuell arbeiten wir zum Beispiel an einer geriatrischen Befragung von Patienten, die Stammzelltransplantation benötigen und älter als 60 Jahre sind.

Wie wird all die Arbeit koordiniert, die dieser Service mit sich bringt?
Die Idee dieser Funktionseinheit ist, dass ein Hämatologe die verschiedenen Spezialisten koordinieren und wie ein Dirigent leiten sollte. Im Moment sind wir dabei, Übereinkünfte mit verschiedenen Fachrichtungen zu schließen, von denen wir glauben, dass sie wichtig für die Patienten sind. Wir kontaktieren die unterschiedlichen Abteilungen und bitten sie uns zwei oder drei Spezialisten zur Verfügung zu stellen. Sie werden speziell für Transplantationspatienten trainiert, wodurch es einfacher wird, Komplikationen zu erkennen. Und deren schnellstmögliche Erkennung ist unser Ziel.

Welche Nachricht würde Sie den Patienten gerne mitgeben?
Ich möchte ihnen gerne sagen, dass sie tapfer sind. Alle, die diesen Prozess durchlaufen müssen, werden zu starken Menschen und dazu möchte ich ihnen gratulieren. Ebenso möchte ich ihnen eine Mut machende Botschaft überbringen: Es gibt viele Patienten, die ihre Krankheit überwunden haben und zu einem praktisch normalen Leben zurückgefunden haben. Nach allem was sie durchgemacht haben, es gibt Licht am Ende des Tunnels.

 

Weitere Infos finden Sie in unserem DKMS Media Center.

Diesen Artikel teilen
FacebookTwitterGoogle+LinkedInXINGWhatsApp