Deutschland hat im Dezember 2016 für ein Jahr den Vorsitz der „G20“ übernommen, dem zentralen Forum zur internationalen Zusammenarbeit der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer. Zum Schwerpunkt der Präsidentschaft macht die Bundesregierung das Thema globale Gesundheit. Grund genug für uns, einmal nachzufragen, wo die Politik die größten Herausforderungen auf diesem Gebiet sieht. Dr. Georg Kippels, Mitglied des Deutschen Bundestages, CDU, ist als ordentliches Mitglied im Ausschuss für Gesundheit sowie ordentliches Mitglied im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ein ausgewiesener Experte in der Gesundheitspolitik. Er stand uns gerne Rede und Antwort.

Herr Dr. Kippels: Warum engagieren Sie sich gerade auf dem schwierigen Feld der Gesundheitspolitik so sehr?
Gesundheitspolitik betrifft jeden von uns, jederzeit, national und international. Wir haben in Deutschland ein sehr ausgewogenes und umfassendes Gesundheitswesen. Das hat uns über Jahrzehnte stabile gesellschaftliche Verhältnisse verschafft. Wenn man das erkennt, dann weiß man auch wie wichtig es ist, diese Grundlage in anderen Ländern zu schaffen. 

Welche Rolle spielt Gesundheitspolitik im kommunalen Bereich?
Gesundheitspolitik ist im kommunalpolitischen Bereich überlebenswichtig. Die Versorgung im ländlichen Raum oder Krankenhausstandorte, diese Dinge spielen in der Kommunalpolitik die Hauptrolle. Wer da nicht in der Lage ist, den Bürger zu verstehen und lokal vernünftig zu entscheiden, dessen politische Karriere ist erfahrungsgemäß ganz schnell zu Ende.

Dr. Georg Kippels, MdB

Dr. Georg Kippels (rechts), ordentliches Mitglied im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie im Ausschuss für Gesundheit

Wo sehen Sie in unserem Gesundheitssystem die größte Herausforderung?
Die größten Herausforderungen sind mit absoluter Sicherheit die Auswirkungen des demographischen Wandels. Unsere Bevölkerung wird immer älter. Das ist zunächst ein hocherfreulicher Umstand aber mit dem Alter können auch mehr Erkrankungen kommen. Die Versorgungsmöglichkeit aufgrund der Medizintechnik ist zwar deutlich besser geworden aber man kommt – und es ist schade, dass man das sagen muss – in diesem Berührungsfeld an Grenzen der Finanzierbarkeit, möglicherweise auch an die Grenzen der Forschung. Da müssen wir ein waches Auge drauf haben.

Was halten Sie zum jetzigen Zeitpunkt für unsere größten Errungenschaften im Bereich der Gesundheitspolitik?
Das ist die ununterbrochene Verfügbarkeit von gesundheitlicher Versorgung für jede Bürgerin und jeden Bürger. Durch unser Versorgungssystem der gesetzlichen Krankenkassen präsentieren wir allen Mitbürgern jederzeit, also 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr, eine optimale gesundheitliche Versorgung und es hängt eben nicht davon ab, ob man persönlich über finanzielle Leistungsfähigkeit verfügt, sondern diese Versorgung ist nur an die Mitgliedschaft in der gesetzlichen Krankenkasse geknüpft. Das halte ich für einen enormen sozialpolitischen Wert, dessen Bedeutung man nicht hoch genug schätzen kann.

Bei Ihren Tätigkeiten als Mitglied des Bundestags legen Sie großen Wert auf internationale Zusammenhänge. Warum ist Ihnen internationale Zusammenarbeit so wichtig?
Wir können die Auswirkungen von globaler Gesundheit nicht an Grenzen enden lassen. Das haben wir vor anderthalb Jahren mit der Ebola Katastrophe in Westafrika erlebt. Da war schnell festzustellen, dass es durch die höhere Mobilität, durch den Flugverkehr, zu Berührungen mit Europa kam. Das war eine Ausnahmesituation aber die Mobilität des Menschen heutzutage führt zwangsläufig dazu, dass einem gesundheitliche Gefahren überall begegnen können. Das erleben wir zur Zeit an einer Ausweitung der Tuberkulosefälle, die wieder nach Europa hereinkommen. Krankheiten halten nicht an Grenzen!

Warum wird internationale Zusammenarbeit in allen Bereichen zukünftig wichtiger?
Das Zauberwort ist schlicht und ergreifend Globalisierung. Wir werden uns immer schneller und viel intensiver begegnen, überall auf der Welt. Der Mensch ist – und das ist das zweite Zauberwort – durch die Digitalisierung nicht mehr auf seinen ursprünglichen Geburtsort begrenzt. Er bekommt Erkenntnisse, Informationen, und er bekommt natürlich auch den Wunsch sich an andere Orte zu begeben. Das hat jetzt noch nicht einmal originär etwas mit der Flüchtlingsbewegung zu tun, sondern insgesamt mit dem Umstand, dass wir nicht mehr so ortsbezogen sind, wie das noch vor einigen Jahrzehnten der Fall war. Infolgedessen ist diese permanente Begegnung der Menschen auf diesem Planeten eine unabweisbare Entwicklung der Zukunft, mit der wir uns zwingend auseinandersetzen müssen.

Wir können die Auswirkungen von globaler Gesundheit nicht an Grenzen enden lassen.

Wo sehen Sie im internationalen Vergleich der Gesundheitssysteme die größten Schwierigkeiten?
Der wichtige erste Schritt ist immer die tatsächliche Erreichbarkeit der Menschen. Nehmen wir als Beispiel die Notwendigkeit von Impfmaßnahmen. Bei uns ist es vollkommen selbstverständlich, dass innerhalb der ersten beiden Lebensmonate die Grundimpfung stattfindet. Die hat dazu geführt, dass in Europa fast alle wesentlichen Krankheiten ausgerottet werden konnten. In Entwicklungsländern ist es oft so, dass die Kinder bei der Geburt nicht registriert worden sind oder dieser ersten Grundversorgung nicht zugeführt werden können. Mittlerweile versuchen internationale Institutionen wie die GAVI Alliance diesen Impfschutz weltweit zu etablieren. Das sind erste Schritte aber damit verknüpft ist natürlich die Etablierung von Basisgesundheitssystemen. Also die Verfügbarkeit von medizinischen Leistungen in einem erreichbaren Radius und eben nicht über viele Kilometer weit verstreut oder nur über Tagesreisen zu erreichen. Diese Bausteine müssen etabliert werden. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil dafür, dass sich eine Gesellschaft positiv entwickeln kann. Für die Entwicklung einer Gesellschaft sind drei Bausteine entscheidend: Gesundheit, Bildung und Ernährung. Wenn diese Bausteine nicht gleichberechtigt ineinander greifen, werden Sie in einer Gesellschaft auch kein Wirtschaftswachstum etablieren können.

Wie kann ärmeren Ländern zu einem funktionierenden Gesundheitssystem verholfen werden?
Zunächst muss in den entsprechenden Regierungen das Bewusstsein geschaffen werden, wie wichtig Gesundheitssysteme sind. Wir machen unsere Entwicklungspolitik auch davon abhängig, dass in den Haushalten der jeweiligen Länder die notwendigen Positionen für das Gesundheitswesen auch einbestellt werden. Zum Glück gibt es mittlerweile nur noch wenige Staaten, die dazu im Rahmen ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit überhaupt nicht in der Lage sind. Nach meinem Kenntnisstand sind es jetzt gerade noch 60 Staaten auf diesem Planeten, die komplett von Fremdhilfe abhängig sind. Alle anderen haben den Wert der Gesundheit erkannt und berücksichtigen das in angemessener Form in ihrem Haushalt. Dann gibt es im Regelfall auch ausgewiesenen Gesundheitsministerien und es wird Wert darauf gelegt, dass diese Systeme permanent ausgebaut werden.  

Dr. Georg Kippels, MdB

Dr. Georg Kippels, Mitglied des Deutschen Bundestages seit 2013

Was wären die nächsten Schritte?
Die nächsten Schritte, die unmittelbar bevorstehen, sind unter anderem die aus der Agenda im G20 Programm. Fragen zur Gesundheit und zur globalen Gesundheit stehen hier im Fokus. Nun beschließt G20 nichts, sondern verabschiedet am Ende ein Konsenspapier. Aber es ist schon sehr wertvoll, wenn dieser Konsens erstmal da ist. Dann kann die weitere Zusammenarbeit folgen und jeder kann seinen Beitrag leisten.

Wie sieht dieser Beitrag aus?
Dieser Beitrag kann rein finanzieller Natur sein, beispielsweise um die Forschung zu fördern oder um Krankenhäuser mit den notwendigen Geräten auszustatten. Zunehmende Digitalisierung bringt ebenfalls Möglichkeiten. Wichtig ist, dass all das gemeinschaftlich angegangen wird, jeder hilft im Rahmen seiner Möglichkeiten.

Welche Rolle spielt das Thema globale Gesundheit in der Zukunft?
Es kommen ganz gewaltige Herausforderungen auf uns zu. Wir gehen davon aus, dass wir 2050 zwischen elf und zwölf Milliarden Bewohner auf der Erde haben werden, jetzt sind es 7,4 Milliarden. In Afrika wird sich die Bevölkerung während der nächsten 20 Jahre verdoppeln. Das Bevölkerungswachstum steht immer in unmittelbaren Zusammenhang mit Gesundheitsrisiken. Inwiefern man diese Risiken im Griff hat, hat wiederum Folgen für die Wirtschaftssysteme. Krankheitsfälle beeinträchtigen immer die Wertschöpfung. Das alles gehört zusammen, deshalb wird man dringend das Augenmerk auf die Verbesserung der Basisgesundheitsversorgung legen müssen.

Inwiefern spüren wir schon jetzt die Auswirkungen dieser Entwicklung?
Das hat auch etwas mit den Flüchtlingsbewegungen zu tun. Diese Menschen flüchten teilweise vor Krankheiten und gesundheitlichen Bedrohungen. Jemand der in einer guten gesundheitlichen Konstitution ist, kann sein Leben selbstverantwortlich führen und hat kein Bedürfnis seine Heimat zu verlassen. Deshalb müssen wir das im Fokus behalten.

Wie kann die Hilfestellung aussehen?
Häufig wird mit dieser Fragestellung verknüpft, dass mehr Geldmittel ins System gepumpt werden müssen. Ohne Geld geht es selbstverständlich nicht, gar keine Frage, aber es hat viel mehr mit intelligenten Lösungen zu tun. Also die Menge des Geldes ist nicht entscheidend sondern wirklich der zielgerichtete Einsatz, mit den richtigen Methoden und den richtigen Behandlungsfeldern. Dazu ein anderes Beispiel: Die modernen Bedrohungen sind Multiresistenzen, das heißt unsere Wunderheilung durch Antibiotika hat mittlerweile leider ihren Wert verloren. Daran kann man auch sehen, dass es keine permanente Verbesserung gibt, sondern immer wieder auch Rückschläge. Die müssen kompensiert werden und das fordert dann Wissenschaft und Forschung, Pharmaindustrie sowie die Politik auf, diese Problemstellung in den Griff zu kriegen. Das ist wahrscheinlich eine lebenslange Herausforderung und deshalb auch so spannend.

Herr Dr. Kippels, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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