Sie haben Blutkrebs.

Wie fühlt sich ein Mensch, der diese Diagnose hört? Neben der körperlichen Strapaze führt die Krankheit auch zu einer oft zu wenig beachteten emotionalen Belastung für den Patienten. Psychischer Stress, der für den Patienten allein kaum zu bewältigen ist, bei dem er Hilfe und Halt bei Angehörigen und Freunden finden sollte. Aber was bedeutet das für seine Familie und sein persönliches Umfeld? Ich habe mit dem renommierten Psychotherapeuten und Coach Dr. Stephan Lermer über seine langjährigen Erfahrungen im Umgang mit Krebspatienten gesprochen.

„Die Diagnose Blutkrebs ist aus psychologischer Sicht vergleichbar mit der Nachricht vom Tod eines Angehörigen.“ Sehr deutlich veranschaulicht Lermer direkt zu Beginn des Gesprächs die emotionale Fallhöhe für den Patienten. „Oft kommt eine solche Nachricht für den Patienten gefühlt aus dem Nichts. Er ist total überrascht und geschockt. Während die Diagnose des Arztes auf einer fundierten medizinischen Erkenntnis fußt, also rational ist, reagieren die meisten Patienten zuerst sehr emotional. Sie zweifeln alles an, was der Arzt ihnen sagt. Ganz nach dem Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf!“ Als Überbringer der Nachricht sei der behandelnde Arzt auch der erste, der sofort Aufklärungsarbeit betreiben könne um dem Patienten zu veranschaulichen, dass diese Diagnose nicht zwingend das Ende sein muss, sondern dass es Möglichkeiten gäbe, gegen die Krankheit vorzugehen.

Dass es bei den Reaktionen der Patienten große Unterschiede gibt, weiß Lermer aus seiner langjährigen Berufspraxis. „Wie ein Patient sich in solchen Momenten verhält, hängt direkt mit seiner Persönlichkeitsstruktur zusammen. Wir Psychologen sprechen da von Ich-Stärke.“ Jemand der Ich-Stark ist, nimmt Probleme und Hindernisse an und versucht Lösungen zu finden, während Menschen mit einer anderen Persönlichkeitsstruktur eher dazu neigen die Umstände für ihr Unglück verantwortlich zu machen und schneller verzweifeln. „Es ist wichtig, dass die Patienten gemäß ihrer eigenen Persönlichkeitsstruktur angesprochen werden. Hier kommt auch dem behandelnden Arzt eine sehr wichtige Rolle zu. Je besser er den Patienten oder sogar seine Familie kennt, desto empathischer kann er diesen ansprechen und begleiten.“

In erster Linie müssen wir als Angehörige erkennen, dass es wichtig ist, mitzufühlen und nicht mitzuleiden.

Es ist aber nicht nur der Arzt, dessen Unterstützung gefordert ist. Für den Kranken spiele das persönliches Umfeld eine ganz wichtige Rolle, so Lermer. „Patienten suchen sich Hilfe bei den Menschen, die Ihnen am nächsten stehen. Das ist eine Zwiebelschalenhierarchie. An erster Stelle kommt der Partner, derjenige mit dem man sein Leben teilt. Danach kommt die Herkunftsfamilie oder der Freundeskreis. Dabei ist es ganz unterschiedlich, welcher der letztgenannten Personenkreise näher dran ist. Das hat viel mit der Erziehung und der Kultur des Patienten zu tun. Daraus ergibt sich die Nähe oder das Vertrauensverhältnis, beispielsweise zu den Eltern.“

Auf der anderen Seite erwächst aus der Suche eines kranken Menschen nach Hilfe auch ein großer Druck für die Angehörigen. Angst vor Fehlern und ein Krankheitsthema, dass viele am liebsten ganz ausblenden würden, führen häufig dazu dass falsch oder auch gar nicht geholfen wird. „Dabei können wir kranke Menschen oft sehr wirkungsvoll unterstützen, wenn wir ein paar Grundregeln beachten,“ sagt Lermer, der diese Problematik aus seinem beruflichen Alltag sehr gut kennt. „In erster Linie müssen wir als Angehörige erkennen, dass es wichtig ist, mitzufühlen und nicht mitzuleiden! Das müssen wir unbedingt trennen, zu unserem eigenen Wohl und zu dem des Patienten. Mitleid heißt mit-leiden. Wir verbinden uns emotional mit der betreffenden Person und leiden mit. Mitgefühl hingegen heißt mit-fühlen. Wir fühlen uns in die Lage einer anderen Person hinein und können ihr Leiden nachvollziehen. Wir leiden aber nicht selbst mit. Wir haben einen emotionalen Abstand. Und während wir bei Mitleid vorrangig mit uns selbst beschäftigt sind, bedeutet Mitgefühl: Ich selbst bin gesund, bleibe in meiner Kraft und kann mich dadurch um den anderen kümmern. Ich sorge für ihn.“

Ein anderer, so selbstverständlich klingender aber oft sehr schwieriger Punkt ist die Kommunikation der Angehörigen untereinander. Nur wenn die Angehörigen gut untereinander kommunizieren kann die Hilfe in produktive Bahnen gelenkt werden. Konkret bedeutet das: Wer macht was? Wer kann womit Hilfe leisten? Wer weiß konkreten Rat oder wo man diesen bekommen kann? Hilfe finden Betroffene z.B. bei der Deutschen Leukämie- & Lymphom-Hilfe e.V.. Dort steht ein Team Patienten aber auch deren Angehörigen mit Rat und Tat zur Seite. Viele haben auch schon von Selbsthilfegruppen für Betroffene gehört. Weniger bekannt sind Angehörigenselbsthilfegruppen. Hier haben die Unterstützer des Patienten die Möglichkeit zu Informations- und Erfahrungsaustausch und sich gegenseitige Unterstützung und Motivation zuteil werden zu lassen.

Der Patient will oft niemandem Kummer bereiten oder zur Last fallen.

Ein weiteres ganz schwieriges Thema ist laut Lermer auch das oft vorhandene Schuldgefühl des Kranken dem Freund oder Angehörigen gegenüber. „Der Patient will oft niemandem Kummer bereiten oder zur Last fallen. Das müssen die Angehörigen wissen und dann sehr sauber trennen. Machen Sie dem Patienten klar, dass Sie die Zeit mit ihm sehr gerne verbringen und dieses auch ganz bewusst tun. Zeigen Sie ihm aber auch, dass andere Dinge für Sie weitergehen. Beispielsweise indem Sie erzählen, welcher Freizeitaktivität Sie nach dem Krankenbesuch nachgehen und auch, dass Sie das mit Freude tun.“

Zum Helfen gehören aber bekanntermaßen mindestens zwei. Einen der hilft und einen dem geholfen wird. Was also, wenn der Patient gar keine Hilfe will? Manche Menschen sind es nicht gewohnt, Hilfe anzunehmen. Sie erledigen die Dinge alleine und sind mit einer solchen Autonomie-Strategie sogar oft recht erfolgreich durchs Leben gegangen. Und obwohl es viele Bereiche und Momente im Leben gibt, in denen diese Autonomie-Strategie nicht genügt, weigern sich diese Patienten, Hilfe von Freunden oder Angehörigen anzunehmen, selbst wenn sie schwer krank sind. Wie erreicht man so jemanden? Dr. Lermer gibt eine klare Antwort: „Eine solche Veränderung funktioniert nur durch Leidensdruck. In anderen Worten und etwas hart formuliert: Solche Patienten fühlen sich noch nicht schlecht genug um Hilfe anzunehmen.“  Das sei leider viel zu oft eine unlösbare Problematik, so Lermer, „es ist ausgesprochen schwer, bei diesen Menschen einen Paradigmenwechsel zu erzielen.“

Grundsätzlich hält Dr. Stephan Lermer seelische Unterstützung eines kranken Menschen in ihrer Bedeutung für kaum zu überschätzen. „Unser Immunsystem wird immer auch von unserer Psyche beeinflusst. Wenn wir einem kranken Menschen durch unsere Unterstützung und unser Mitgefühl Halt geben oder sogar seine Sichtweise auf die Schwierigkeiten zum Positiven verändern können, kann das dazu führen, dass auch der Körper des Patienten die Kraft findet, gegen die Krankheit anzukämpfen.“

Dr. Stephan Lermer
Dr. rer. biol. hum. Dipl. Psych. Stephan Lermer ist approbierter Psychotherapeut und Coach. Nach dem Studium der Psychologie und Philosophie promovierte er an der Fakultät für Theoretische Medizin in München. Parallel hatte Stephan Lermer universitäre Lehraufträge und absolvierte eine Ausbildung zum „Psychologischen Psychotherapeuten“ u.a. bei Paul Watzlawick und Viktor Frankl. 1981 gründete er das Institut für Persönlichkeit und Kommunikation in München.